Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1877)
- Date
- 1877-12-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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1235 Brüder sah; Sie würden nicht glauben, von welcher Rührung ich bei ihrem Anblicke ergriffen ward; sie waren da um mich rings versammelt, je nach den zufälligen Sympathien ihrer Landsleute, ohne Ordnung, ohne Aufstellung, alle sich stärkend an dem Genüsse einer, jede Erwartung übertreffenden Gastfreundschaft. Ich betrachtete mit Thränen in den Augen diese Unglücklichen, die ihrer Heimaty entrissen, bei ihrer Ankunft in Bucarest von Allem, von Nahrung und Kleidung entblößt waren und die trotz aller der, während der ganzen Fahrt von Bucarest nach Constantinopel ihnen gewordenen, über alles Lob erhabenen Hilfsleistungen dennoch die allzu sichtbaren Spuren an sich trugen von den körperlichen Leiden sowohl, als auch besonders von den erschütternden geistigen Qualen, welche die Verbannung, der Ruin und die gewaltsame Trennung von Allem, was man auf Erden Theures hat, von Familie, Eltern, Weib und Kindern verursachen. In der Türkei ankommen, hieß für diese Unglücklichen das Land der Verheißung erreichen; ja ihre Gesichter, wie auch immer durch eine beschwerliche Ueberfahrt abgespannt, strahlten dennoch vor Freude über den Empfang, den sie hier gefunden. Nachdem unsere armen Glaubensgenossen sich hinlänglich gestärkt hatten, ließ ich sie in die Synagoge eintreten, die zu Ehren derselben vollständig erleuchtet worden war. Der H. Oberrabbiner hielt, als ich die heilige Lade geöffnet, eine herrliche Rede, in der er den Unglücklichen zu den Leiden, die sie bestanden, seine Ehrerbietung bezeugte, und sie verpflichtete, Alles auf Gott zurückzuführen, der ihren Glauben hätte prüfen wollen; er ermahnte sie zur Ergebung. Auch sprach er von der Alliance isr. univ., dieser lebendigen Manifestation der jüdischen Solidarität, und von den barmherzigen Männern (er nannte ihre Namen), die ihrem Exil ein Ende gemacht und ihre Schmerzen gelindert haben; er schloß mit einem Aufruf an die hiesige Bevölkerung zu Gunsten dieser des Trostes und Beistandes so würdigen Unglücklichen. Ich glaubte den Gipfel der Aufregung erreicht zu haben, aber ich täuschte mich. In dem Augenblicke, als die Predigt beendigt war, sprach ich, wie verabredet worden war, von der Vertheilung der Exilirten unter die Einwohner, sah mich jedoch von den betreffenden Gesuchen mit solcher Gluth bestürmt, daß es mir ganz unmöglich war, darauf zu antworten; ich mußte das einzig Mögliche thun. Jedem überlassen, sich selbst soviel Exilirte zu nehmen, als er wollte, vorbehaltich der später uns zu machenden Mittheilung. In einem einzigen Augenblicke war die Synagoge leer, und an der Thür drängten sich noch eine Menge von Gemeinde*« Mitgliedern, die sich bitter beklagten, daß man ihnen Unrecht gethan hat, da man ihnen keine Flüchtlinge zur Bewirthung überlassen habe. Ich konnte ihnen nur im Namen der Alliance danken, indem ich sie versicherte, daß keinerlei Parteinahme stattgefunden und daß ihre vermeintliche Zurücksetzung nur von der großen Barmherzigkeit herrühre, die alle Vorkehrungen vereitelt habe. Die Zahl der Flüchtlinge betragt 307; wir haben bei der Ueberfahrt nur den Tod eines Kinj des zu beklagen gehabt; 2 junge Mädchen sind krank angekommen, die eine am Typhus, die man zu retten denkt, die andere an einer Schwindsucht, die leider keine Hoffnung läßt. Eine hinreichende Menge Kleidungsstücke (Röcke für Männer und Frauen, Strümpfe rc.) wurden für dieselben zusammengebracht; dennoch wird deshalb Frau Fer- ■ nandez noch die Frau Layard besuchen, um sich j sicher zu stellen für den Fall, daß es doch noch , an Etwas fehlen sollte. Morgen werde auch ich! meinerseits Frau Fernande; besuchen. und wir; werden gemeinschaftlich die letzten Anordnungen! beschließen. Den größten Theil der Flüchtlinge werden wir nach Adrianopel dirigiren, wo, wie ich zu schreiben die Ehre hatte, für sie im Namen des H. Baron v. Hirsch und der Alliance isr. univ. Quartiere bereits gemiethet sind; wir werden jedoch Denjenigen, die es vorziehen sollten, anderswohin zu gehen, volle Freiheit lasten und ihnen selbstverständlich die Mittel darbieten, es thun za können. Türkei. Constantinopel» Als vor Kurzem die Landwehr eingeführt wurde, verfügte die Regierung, daß auch Nicht-Muhamedaner in dieselbe eintreten soli len. Bevor dies jedoch geschehen, ließ der Sultan! bei allen Confessionsgenossenschaften anfragen, ob . dies nicht gegen ihre religiöse Ueberzeugung ver-! stoße. Auch an den Chacham Baschi in Constantinopel erging eine solche Anfrage. Nachdem derselbe erklärt hatte, daß dies vom religiösen Standpunkte nicht unstatthaft, wurden auch jüdische! Jünglinge in die Landwehr eingereiht. (Schew. Ach.)