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Der Israelit · 1877-12-12 · Heft 50 (12.12.1877) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 50 (12.12.1877)
Date
1877-12-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1185 Wenn Du nur das bedenken wolltest, so wäre ich sicher, Du würdest mir nicht zürnen. — Doch ich fürchte, fürchte sehr, Du wirst daS nicht bedenken und wirst mir dennoch zürnen. Darum ziehe ich es vor, bis ich das Gegentheil von Dir vernommen, Dein Haus zu meiden. Lebe wohl mein Vater! und mögest Du Dir, was Du als Deines SohneS Frevel betrachten zu müssen glaubst, nicht allzu sehr zu Herzen nehmen. Mögest Du recht bald zur Einstcht kommen und dann wieder zu Dir rufen Deinen Dich herzlichliebenden Sohn Eduards „Bube," murmelte Carl, indem er das Papier in der geballten Faust zerknitterte. Der Vater erhob sich mit Anstrengung. „ES ist spät, wir wollen zu Bette gehen. Gute Nacht liebe Kinder!" Sie eilten zu ihm und umschlangen ihn mit ihren Armen, er drückte sie fest an sich. „Meine Kinder — meine Einzigen. —" „Gib noch nicht alle Hoffnung auf, lieber Vater," bat Carl „auch Eduard wird noch zur Einsicht kommen." Der Alte schüttelte trübe das Haupt, dann neigte er sich und drückte einen Kuß auf feiner Tochter Stirn, eine Thräne glitt daneben. Rosa konnte sich nicht mehr halten, sie brach in lautes Schluchzen aus. Leichter als man es habe erwarten können, wähnten seine Freunde, habe der alte Grün sich drein gefunden, daß sein Sohn im Hause seines Onkels lebe, in dem kein speciell jüdisches Religionsgesetz mehr gehalten wurde. Er klagte gegen Niemanden, seine Haltung war so ungebeugt, so stramm wie je — aber nach wenig Wochen war sein bisher nur leicht melirteS Haupthaar völlig weiß geworden. Eduards Brief hatte er gleich am folgenden Tage damit beantwortet, daß er ihm feine sämmtlichen Effekten in das Haus seines Onkels sandte und ihm wissen ließ, er dürfe seine Schwelle nie wieder betreten. Die Familie des Bankier Weigert befand sich am Frühstückstisch. ES war eine heitere liebenswürdige Familie, Mann und Frau und zwei blühend schöne Töchter. Weigert, ein wohl couservirter Sechziger, war noch immer ein lebenslustiger Mann, sein Wahlspruch war leben und leben lassen, d. h. er hatte noch eine Anzahl Wahlsprüche, doch alle alhmeten gleiche Milde. Milde war überhaupt der Hauptzug seine- Charakters, milde war er gegen sich, milde gegen seine Familie, milde gegen Jedermann, der mit ihm in Berührung kam. Milde war er auch gegen die religiösen Anschauungen eines Jeden, selbst gegen die seiner Kinder. In religiöser Toleranz pflegte er Friedrich den Großen als sein Vorbild zu bezeichnen, in Menschenliebe Kaiser Josef. Seine Frau war stets gleicher Ansicht mit ihm, den Haushalt führte sie noch nach jüdischer Vorschrift, doch dieses wohl auch mehr aus Gewohnheit und weil ihr Mann in den religiösen Vorschriften auch manches Sanitäre finden wollte. Beide hatten jedoch nichts dagegen einzuwenden, wenn ihre Kinder auch in nichtjüdischen oder vollstädig unjüdischen Gesellschaften an den Mahlzeiten Theil nahmen. In jüngster Zeit Pflegte jedoch ihre älteste Tochter, die blonde Emma, sich von dergleichen Gesellschaften fern zu halten, weßhalb ihre Schwester Caroline sie recht fleißig neckte und ihrer spottete. Auch heute herrschte wieder ein kleiner Streit zwischen den Schwestern, die sich im Uebrige» doch recht herzlich liebten. „Weißt Du schon, Papa," wandte sich Caroline an den Vater, „daß Emma sich absolut weigert, zu Meters Soiröe zu gehen?" „Warum daS, Kind?" fragte verwundert die Mutter, „Ihr habt euch doch im vorigen Jatzr sehr gut bei MeierS amüsirt." „Göttlich haben wir uns amüsirt," ries Caroline. noch durch die Erinnerung entzückt, „aber, dieses Mal wird es noch weit schöner sein; denke Dir nur. Mama, wir werden sogar lebende Bilder darstellen, der Maler Wolter wird Alles arrangiren. O, eS wird gottvoll sein!" „Und dabei wollte unsere Emma mit ihrem Madonnengesiichtchen sich nicht betheiligen?" fragte Herr Weigert, indem er seinen Arm um seine Lieblingstochter schlang, „sag' mir Kind, was hat das zu bedeuten. Emma erröthete biS unter die Locken und ohne den Blick vom Boden zu heben, erwiderte sie: „Es wird ja auch ein großes Essen dabei sein und MeierS nehmen das Fleisch nicht einmal beim israelitischen Metzger." Die Eltern sahen einander verwundert an, Caroline aber rief lachend: „Nun und waS kümmerts Dich, woher MeierS das Fleisch nehmen? an Hasenbraten ist noch kein Mensch gestorben." „Papa meint doch, daß alle nach jüdischer Vorschrift bereiteten Speisen der Gesundheit weit zuträglicher sind." „Freilich ist das meine Ansicht," entgegnete Herr Weigert, sich zurücklehnend, „aber daraus

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