Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1877)
- Date
- 1877-11-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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1151 ftellung der Glacis-Anlagen und der Straße herrühren. Alle Skelette blicken nach Osten (dem Orient, dem alten Heimathlande). Nur ein Sarg war mit halbfußgroßen altertümlich geformten Nägeln gefügt, die übrigen mußten Holznagel gehabt haben; über den Skeletten, in die Erde gesunken, lag noch ein gebrochener Grabstein mit hebräischer Inschrift. An andern Beigaben fanden sich P/2 Ellen Goldbörtchen alterthümlicher Textur bei einem Frauenfkelett, von ihrem verwesten Kleide herrührend, ein Markstück großes Messingplättchen zum Anhängen, grob geschmiedet ohne jegliche Spur von Gepräge, eine Brakteatenmünze des 12. bis 13. Jahrhunderts. Der Verwesungsgrad der Skelette entsprach durchaus der Annahme eines mehrhundertjährigen Liegens in dem Sande. Die durchgehenden Tagwasser haben die Gallerte der Gebeine sehr ausgelaugt und sie leicht gemacht, wie bei Gebeinen, die erst ein halbes Jahrhundert unter gleichen Verhältnissen liegen, nicht entfernt der Fall ist, so daß man außer allen andern Gründen auch schon darum nicht an Soldaten von 1809 denken kann. Es wurden etwa 30 Gräber berührt, gegen 20 Schädel ganz oder in Stücken herausgegraben, von denen etwa 15 noch sichere Beurtheilung gestatteten, deren ethnologisches Ergebnis nicht ohne Interesse ist. Die hier Beerdigten zeigten sich nämlich durchaus als ein Volk von Brüdern. Auf süddeutschen christl. Friedhöfen findet man, wo Gelegenheit zu Vergleichen geboten wird, nur mit Mühe au« einer großen Reihe zwei gleichgebildete Hirnkapseln. Ursache dessen ist die Racenoermischung der verschiedenen nach einander auftretenden Völkerelemente, die sich im Laufe der Zeit kreuzend zahlreiche Variationen d^s Schädels bedingen, und jetzt neben halbgemeinsamem Blute die deutsche Sprache gemeinsam haben. Nur die altgermanischen Gräber unmittelbar während und nach der Völkerwanderung, zur Merovinger Zeit, fordern zu einem Vergleich mit diesem altjüdischen Friedhofe heraus. Die alten Germanen, vom gemeinsamen Stammvater entsprungen, abgeschlossen und unvermischt mit anderen Racen, in gleichen Lebensverhältnissen durch ein paar Jahrtausende, zeigen sich gleichfalls bei ihren Auswanderungen vom Norden her, wo sie auftreten, als ein auch in der Schädelbildung gleiches Volk von Brüdern, leicht unterscheidbar von allen Völkern Europas. In Schweden, an der Ost- und Nordsee, am Rhein, an der Donau, ja in Rußland, in Frankreich und in Spanien, wo man nvch ihre Beerdigungsstellen fand — und die Neuzeit ist sehr fleißig in dieser Forschung — wohin sie als Franken, Alemanen, Gothen, Longobarden, Burgunder, Vandalen rc. drangen, ihre Gräber zeigen heute noch die übereinstimmende Bildung des Schädels; das Aehnliche nun findet sich an den Skeletten des aufgedeckten Judenfriedhofs zu Regensburg. Unter de« ganz oder in beurtheilbaren Fragmenten erhobenen Schädeln sind Männer und Frauen, meist hochbejahrt, auch ein Kind, vertreten. Die Hirnkapsel ist verhältnismäßig groß und vortheilbaft gebaut. Es bewegt sich der Hirnschädel bei auffallend wesentlich gleichem Bau und gleichen Contourlinien seiner Berticalansicht, und nur ganz geringer Variation seines Längen-Breitenverhältnisses (Index) auf der Grenze der Orthocephalie und Brachycaphelie (hier reiht auch schon Welker in seiner Völkerscala nach ihrer Mittelzahl die heutigen Israeliten ein). Der gleiche Stammbaum durch fast viertausend Jahre, die Abgeschlossenheit und Nichtmischung mit Andern, die Gleichheit der Lebensweise der älteren jüdischen Bevölkerungen in ihren geschlossenen Stadtbezirken gibt leicht Aufschluß, warum das so ist. In dem Gesichtsschädel dagegen kommt, wie überhaupt die individuelle Veranlagung besonders im Gesichte sich ausspricht, neben dem allgemeinen Typus eine größere Variation der Individualität zum Ausdrucke. Lrind die etwas schief angelegten Augen, der eigenthümliche Bau der Augenhöhlen, die stärker betonte Maxillargegend nebst dem orientalischen (bekannten) Profile der Nasenbeine und weichere leicht verderbende Zähne als allgemeine Charaktere durchgreifend, so scheiden sich die'Eigenschaften des Geschlechtsunterschiedes mehr als' bei andern Nationen im Unterkiefer; Energie und Zähigkeit des Mannes für seine erstrebten Ziele ist in feinem stark vertretenden Kinn prächtig gezeichnet , indeß die Selbstlosigkeit und Hingebung der jüdischen Frau in dem auffallend schmächtigen Kinne der weiblichen Skelette sich treu wiedergibt. Kaum ein anderes Volk dürfte gerade darin den bei allen Nationen zwischen Mann und Frau stattfindenden Unterschied so vorherrschend groß aufweisen. Die altgermanischen Frauen z. B. sind dagegen nach ihren Unterkiefern oft Halbmänner — ihrem geschichtlichen Charakter wohl entsprechend. Eines aber muß'ich zum Ruhme jener altjüdischen Bevölkerung beifügen. Mehr als die Hälfte der untersuchten Schädel gehörte ziemlich alten, darunter sehr hoch betagten Männern und Frauen an, in weit größerem Verhältniß als die Leichensteine unserer Friedhöfe hohes Alter ausweisen. Das hat ohne Zweifel seinen Grund nur in der bekannten nüchternen Lebensweise der älteren jüdischen Bevölkerungen, indem die Unmäßigkeit, wie auch ein altrömischer Naturforscher und Arzt wohl erkannte, die größte Feindin eines langen Lebens ist.