Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1877)
- Date
- 1877-11-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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1086 war schon aufgestellt, mit grünem Laub bedeckt, und die Bretterwände mit Tüchern und Decken bekleidet. Jetzt handelte es sich darum, BlumensträuSchen und Körbchen aus Glaskorallen an der Decke anznhängen, die Seitenwände mit Blumengirlanden und Kastanienketten zu schmücken, und endlich nun auch die schönen Künste nicht gänzlich zu übergehen, einige Bilder an den Wänden anzunageln. Hierbei spielten das Portrait Kaiser Josefs, und jenes des Prager Oberrabbiners, Ezechiel Landau, eine hervorragende Rolle. Magdeburger stand in bequemer HauSkleidung in der Sukko bald auf einem Stuhl, bald auf einer Leiter und seine Frau reichte ihm diensteifrig bald den Hammer, bald ein Bild, bald eine Kastanienkette. — Plötzlich unterbrach er sich in seiner Thätigkeit, er hörte draußen auf dem Hofe Jemand fragen, wo da Reb David Leb Magdeburger wohne. „Dineleben, mein Kind," rief Magdeburger, der in dem Augenblick auf einer kleinen Leiter siebend, sich eifrig bemühte, in das Geflecht einer Blumenguirlande Symmetrie zu bringen. „Draußen fragt Einer nach mir, sei so gut und sehe hinaus." Aber irgend ein Diensteifriger mochte den Frager draußen belehrt haben, denn eben öffnete sich die Thüre der Laubhütte, und die Gestalt des RabbinatsdienerS Reb Jeschaje ward in derselben sichtbar. ES war dies ein Mann in Mittelgröße mit einem großen dreieckigen Hute. Der untere Theil des Gesichtes war von einem silberweißen Bart überwuchert, der weit bis über die Hälfte der Brust hinabsank. Helle kluge Augen, frische rothe Lippen, eine hübsche Nase machten das Gesicht zu einem recht freundlichen. „Guten Tag un e gut Jahr," sprach der Eintretende, während ihm David Leb. von der Leiter herab ein freundliches Boruchhabo") entgegenrief. „Was bringt Ihr Gutes, Reb Jeschajeleben?" frug endlich Magdeburger, indem er einen Nagel, den er mit den Zähnen fest hielt und der ihm im Sprechen behinderte, aus dem Munde nahm. Der RabbinatSdiener antwortete nicht sofort, es sah aus, als ob er verlange, Magdeburger möge heruntersteigen und seine Botschaft auflsrra firma empfangen; und in der That kroch Magdeburger auch nach kurzem Bedenken herunter. Nun erst knöpfte Reb Jeschaje seinen Rock auf, zog ein Dokument aus seiner Brusttasche und überreichte eS dem Ueberaschten mit den Worten; „Der Prager Raf*) und das Beth Din^) lassen sich empfehlen und schicken Euch den Chower .... Alles schon in der besten Ordnung, der 3) Gesegnet, der da kommt. 4) Oberrabbiner. 5) Rabbinatscollegium. Primator hat schon sein Visum darauf gegeben, von hier aus gehe ich staut« psä«°)-in die Altneuschul, dort NamenS des RofS zu befehlen, daß man Euch von heut an mit dem Chower aufruft." Magdeburger stand erstarrt, versteinert da. Gin Chower war zu jener Zeit ein Ehrentitel, der nicht leicht zu erlangen war. Er wurde nur besonders Frommen und Würdigen verliehen, und liebte man es auch, bei den Besitzern dieses Diplomes rcligiös-talmudischeS Wissen zu finden; wo dieses fehlte, mußten besonders hervorragende Vorzüge oder Verdienste, diesen Mangel ersetzen. DaS war für den guten, eitlen Mann ein unerwartetes Glück! Nicht freudiger bewegt mochte sich Graf Rudolf von Habsburg gefühlt haben, als man ihm die Nachricht von feiner Erwählung zum deutschen Kaiser brachte. „Masel tow^)," schrie jetzt der RabbinatSdiener, „eS soll Euch zu langen glücklichen Leben sein!" und auch Frau Dina rief ihrem Gatten dieselben Worten zu. „Ihr frogt gar nit, wer für Euch um den Chower an«ehalten") hat;" bemerkte Reb Jeschaje vorwurfsvoll. „Denn Ihr wißt ja, keiner kriegt in Prag den Chower. wenn nit entweder er selbst oder ein anderer für ihn darum beim Rof anhält." Nu wer?" frug Frau Dina gespannt. Reb Jeschaje ließ sich mit der Antwort Zeit, erst lachte er selbst still, aber höchst vergnügt, so lange biS sich das Lächeln auch auf die Züge deS Magdeburg'fchen Ehepaares übertrug; dann nahm er eine tüchtige Prise, die er wie ein echter^ Schnupfer in mehrere» Abtheilungen seiner Nase sehr geräuschvoll einverleibte, dann schneuzte er sich, — dann erst sagte er: .Die Kowed") hat noch kein Mensch in Prag gehabt, ich bin — zu Gutem und zu leben — dreinnddreißig Jahre Beth-Din-SchammeS10), oder nein vierunddreißig." Reb Jeschaje meditirte, er wollte durchaus keine unrichtige Angabe machen, und verlängerte hierdurch höchst zweckmäßig die Zeit der Spannung, die für das Magdeburger'sche Ehepaar voll unsagbarem Reize, voll des eigenthümlichsten, kostbarsten Kitzels war . ja .... ja .richtig, nach Jomtow ") zu Gutem werden eS grad vierunddreißig Jahre" orientirte sich indessen der schlaue RabbinatSdiener; aber so gesund un stark soll ich sein, wie mir das noch nit vorgekommen iS. — wer meint Ihr hat für Euch Reb David Leb um den Chower angehalten?" 6) stehendes Fußes, auf der Stelle. 7) Glück auf! 8) candidirt. 9) Die Ehre. 10) RabbinatSdiener. 11) den Feiertagen.