Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-11-07 · Heft 45 (7.11.1877) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 45 (7.11.1877)
Date
1877-11-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447739--14272-2470174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1076 Herren Professor Lazarus und I. Nachod-! Leipzig als Stellvertreter beigegeben wurden. Als! Schriftführer fungiren die Herren Dr. Samosz! und Jacobsohn. Die Veröffentlichung eines eingehenden Berichts über die ganzen Verhandlungen wird in Aussicht geKellt. Bis dahin sind wir genöthigt, uns an den uns vorliegenden vorläufigen Bericht zu halten, der aber hinlänglich für unseren Zweck, die Ursachen der Lebensunfähigkeit des deutsch-israel. Gemeindebundes nachzuweisen, ausreicht. Es ist uns ein unaussprechlich schmerzliches Bewußtsein, die trostlose Zerfahrenheit des deutschisrael. Gemeindewesens zu kennen und auf's Tiefste zu beklagen, und dennoch Bestrebungen, welche eine Beseitigung dieser Misere beabsichtigen, sich nicht nur nicht anschließen zu können, sondern sie im Gegentheil als schädlich bekämpfen, \a in diesen Bestrebungen selbst, soweit sie in dem deutfch-isr. Gemeindebund eine feste Form angenommen haben, ein trauriges Symptom unserer krankhaften Zustände erblicken zu müssen. Das Schmerzliche dieses Bewußtseins steigert sich noch durch die Erwägung, daß die Presse des gesetzestreuen Judenthums in so vielen Fällen eine abweichende Haltung zu Bestrebungen annehmen muß, welchen sie, von rein socialem Standpunkte aus betrachtet, gerne das Wort reden möchte, denen sie aber mehr oder weniger scharf entgegen treten MUß, sobald dieselben — und dies ist ja leider so vielfach der Fall — nach dem Maßstab des jüd. Gesetzes bemessen, die Probe nicht bestehen. Durch dieses vielfache Abweichen und Verneinen von Bestrebungen , die von anderer Seite mit symphatischer Begeisterung verfolgt werden, gelangen oberflächliche Beobachter zu der Annahme, die ganze Tendenz des überlieferten gesitzestreuen Judenthums bestehe eben nur im Verneinen und Protestiren gegen Alles, was anderwärts mit allem Eifer angestrebt wird; kurz die jüdische Orthodoxie verstehe wohl zu bemängeln und zu tadeln, aber sie verstehe nicht Besseres an Stelle des von ihr Getadelten zu setzen Da nun der deutsch-israel. Gemeindebund sich Ziele gesteckt hat, welche die vitalsten Interessen des Judenthums und der Judenheit zum Gegenstand haben, so dürfte eine Begründung unserer Ansicht über das Verfehlte dieser Bestrebungen eine Rechtfertigung der abweisenden Haltung im Allgemeinen involviren, wie wir sie bei mannigfachen Anlässen allerdings geboten erachten Acht Punkte aber sind es, welche der israel. Gemeindebund nach dem erwähnten vorläufigen Bericht in's Auge gefaßt hat, und die er unter Ausschluß aller religiösen Parteifragen behandeln will. 1) die Vereinigung der israel. Gemeinden des deutschen Reiches; 2) die Organisation derselben zur Wahrung ihrer gemeinsamen Interessen; 3) die Pflege und Förderung ihres Verwaltungswesens, 4) ihres Bildungswesens, 5) ihres Unterstütz"ngswesens; 6) die Vertretung der Gemeinden nach Außen; 7) die Errichtung und Erhaltung von Religion schulen; 8) die Ausbildung von Religionslehrern. W^r, der noch ein Interesse für unsere heiligsten Anliegen hat, kann verkennen, daß es in der That diese .-cht Punkte find, welche das Nebel, an dem unser Gemeindewesen krankt, an der Wurzel packen, welcher Jude, und besonders welcher wahrhaft orthodoxe Jude würde nicht — um sofort den ersten Punkt herauszugreifen — einer Vereinigung der jüdischen Gemeinden das Wort reden! Der orthodoxe d. h. derjenige Jude, der freudig daS von den Vätern überlieferte Judenthum auch heute bethätigt, der pietätsvoll an die Geschichte unserer großen Vergangenheit herantritt, um ihre goldenen Lehren für die Gegenwart zu verwerten, der orthodoxe Jude weiß es ja, daß es einmal eine Zeit bei uns gegeben hat, wo die Vereinigung.der jüd. Gemeinden' nicht durch künstliche Mittel angestrebt zu werden brauchte, wo vielmehr die Vereinigung der jüd. Gemeinden nicht nur eines Staates, sondern der ganzen Diaspora so etwas selbstverständliches war, daß für den herben Schmerz der räumlichen Zerklüftung das innige Bewußtsein der geistigen Zusammengehörigkeit als reichliches Aequivalent eintrat. Diejenigen von uns, die man die Orthodoxen schilt, weil sie noch heute aus ihren Selichoth und Kinoth den Geist jener Zeit in sich aufnehmen, der jeden Einzelnen von uns für das große nationale Unglück mit verantwortlich macht, der nicht müde wird, an unseren in allen seinen Nüancen geschilderten Verfall, immer und. immer wieder die Mahnung zu knüpfen, es läge in der Hand eines jeden Einzelnen von uns, durch feine persönliche Tüchtigkeit und Pflichttreue fein Scherflein zur Erlösung der Gesammtheit beizutragen, treu diesen seinen Principien müßte ja das Herz eines gesetzestreuen Juden wie kein anderes in der einen Sehnsucht ausgehen, das alte Bewußtsein von der solidarischen Haftbarkeit der jüdischen Einzelnen und Gemeinden neu zu beleben und Mittel und Wege zu suchen und zu finden, um die vom deutsch-israel. Gemeindebund angestrebte Vereinigung der Gemeinden thatkmstig zu fördern, und dennoch muß jeder unbefangene Kenner der einschlägigen Verhältnisse, wenn er sich nicht selber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.