Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 38-39 (19.9.1877)
- Date
- 1877-09-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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929 «über, und sehe meinen lieben Juden mit einer starken Polizeibedeckung, von einem großen Menschenhaufen gefolgt, über die Straße führen. Ich lasse anhalten, frage was da vorgeht, und erfahre, daß sich der Mensch die Polizeileute zur Begleitung bezahlt hat, damit sie ihm — da er eine große Summe anvertrauten Geldes bei sich trug, am Hellen lichten Tage bei seinem Gange auf die - Kleinseite bewachen — nein, der Mensch ist doch zu dumm \“ Mittlerweile war Magdeburger eingetreten. Der eitle Mensch wollte dem Chef der Gemeinde beweisen, daß er nicht ohne Nutzen täglich das Haus des höchsten Aristokraten des Landes besuche, und an Redefeinheit hinter Niemand zurückbleibe. „David Zehnthomer hat geruht mir zu sogen, as ich die Gnad haben soll, augenblicklich heraufzukommen. Was befehlen Sie unterthänigst Herr Primator?" Dieser erhob sich in seiner vollen Höhe, warf einen vernichtenden Blick auf ihn und donnerte ihm zu: „Wie könnt Ihr unwissender Mensch Euch unterfangen, Prager Oberjurist werden zu wollen?! Seid Ihr verrückt? .... Soll ich Euch in den Narrenthurm werfen lassen?!" Magdeburger erstarrte zur Salzsäule. Hatte er recht gehört? Ihm, dem unschuldigen Manne, warf man einen lächerlich ehrgeizigen Gedanken vor, der ihn, wenn er ihn gehegt hätte, in der That für's Irrenhaus reif erscheinen ließ! — und ihm, einem Manne, den seine Excellenz, der Herr Oberstburggraf und seine Gemahlin, so fein und höflich behandelten, sollte von dem Primator in solcher Weise begegnet werden?! Er wollte auffahren, aber der gewaltige Respect, den er vor dem mächtigen, einflußreichen Manne, dessen imponirender Persönlichkeit empfand, verschloß ihm einen Moment die Lippen, dann aber sich gewaltsam zur Fassung und Ruhe zwingend, stieß er Worte zwischen den Zähnen hervor: „Herr Primatorleben .... wenn Sie nit unser gewaltig kluger, feiner Herr Obervorsteher wären .... möcht ich sagen .... ich bin nicht meschugge" — aber Magdeburger erjchrack über seine eigene Kühnheit, er war im Begriffe etwas höchst verwegenes zu sagen, und mit einer wunderbar feinen diplomatischen Geistesschwenkang, die ihn selbst in staunende Berehrung für seine Klugheit versetzte, vollendete er den Satz in einer Weise, die auch ein Klügerer nicht besser hätte finden können, „der was Ihnen Herr Primatorleben das eingeredt hat, ist meschugge! Gott im Himmel! ich soll Prager Appellant werden .... ich kann ja kein Pereck Mischnajos*)! „Sie thun dem Manne wirklich Unrecht!" flüsterte Secketes dem Primaior leise zu. „Das werden wir gleich hörenentgegnete dieser ebenso, dann aber fügte er laut hinzu. „Wenn Jhr's nicht habt werden wollen, wie so kann's seiner Excellenz, dem Herrn Oberstburggrafen, einsallen, mich zu fragen, ob man Euch nicht diese Stelle verleihen könnte?" Einen Augenblick starrte Magdeburger mit offenem Munde in das Gesicht des Primators, die verschiedenartigsten widersprechendsten Empfindungen durchströrnten seine Brust. Zuerst das befriedigende Gefühl, wie hoch er in der Gunst des Mannes stehen mußte, der an des Kaisers Stelle das Land regierte, .... dann tiefes Bedauern darüber, daß ihm diese Empfehlung, statt ihn zu Ehren zu bringen und zur Ehre zu gereichen, Verdruß, Kummer, Herabsetzung, ja sogar Verachtung eingebracht. Er dachte nach, was den Oberstburggrafen veranlaßt haben mockte, diese Forderung an den Primator zu stellen. Endlich fiel es ihm ein; daß er — Magdeburger — den Grafen gebeten, dahin zu wirken, daß er ein kleines Ehrenämtchen in der Gemeinde erhalten. Von dem Wunsche geleitet, ihn zu befriedigen und durch Unkenntniß des jüdischen Gemeinwesens, mochte wohl sein hoher Gönner, zu seinem tiefen Bedauern das Ziel seiner bescheidenen Wünsche, weit hinaus überschossen haben. In dem Momente tiefer, unverdienter Beschämung, die er eben erfuhr, und unter dem Eindrücke derselben vergaß er ganz, wie dankbar er pflichtschuldigst seinem illustern Gönner sein sollte, und war nur über dessen Ungeschicklichkeit ergrimmt. .Der Oberstburggraf?" schrie er, allen Respect vor diesem und dem Primator vergessend. „Hast e Chammer! — er weiß viel was e Apellant^) is! — das hat die Welt noch nit gesehen! — so was Hab ich noch nit erlebt .... nu! — ich werd' gleich hinüber gehen, und wenn er auch in der Sitzung is .... liegt mir viel auf! — ich laß ihn — so soll David Leb Magdeburger schon altere — Herausrufen und geb ihm tüchtige Red .... gleich geh' ich hinüber." „Steht Ihr denn auf so gutem Fuße mit seiner Excellenz?' frug Austerlitz verwundert. „Ob ich auf gutem Fuß mit ihm steh!" antwortete Magdeburger noch immer grimmig, in seine üble Gewohnheit frageförmiger Antworten zurückfallend. Dann aber fühlte er doch das süß Schmeichelhafte aus der Frage heraus, und fuhr 1) Mischnabschnitt lesen. 2) Oberjurist. 3) ein schönes Alter geniessen.