Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1877)
- Date
- 1877-09-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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862 Deutschland. Werneik (Bayern). Wenn am Neujahrstage der Vorbeter mit Andacht und Würde das Gebet *]pn rurw vorträgt, da bleibt wohl kein Auge eines gefühlvollen Menschen thränenleer! Ein Jeder vergegenwärtigt sich dann, welchen schweren Verhängnissen der Mensch jeder Zeit ausgesetzt ist, durch Feuer oder Wasser, Schwert oder Raubthier, Hunger oder Durst, Ungewitter oder Pest sein Leben zu verlieren, oder ein unstätes und schmerzhaftes Leben zu verbringen. Und wie muthvoll tröstet sich ein Jeder mit dem Ausrufe, daß Buße, Gebet und Almosen das böse Verhängniß wieder abwenden können! Wie oft aber bietet sich dem Menschen während des Jahres die Gelegenheit durch eines obengenannter drei Hilfsmittel böses Verhängniß von seinen Mitmenschen abzuwenden und er läßt dieselbe aus Sparsamkeit, Bequemlichkeit, oder sonst nichtssagenden Gründen unbenützt an sich vorübergehen! Zu dieser Betrachtung führen mich meine in diesen geschätzten Blättern ohne Erfolg veröffentlichten Artikel, die zur Gründung eines jüdischen Spitals für unsere Gegend mahnten! Mit großem Interesse wurden dieselben vom Publikum ' ausgenommen, Jeder war auf die Lösung dieser Frage gespannt und was ist bis jetzt in dieser Angelegenheit geschehen? Nichts — gar nichts! — Man hat mir zwar von befreundeter Seite die größten Zusagungen gemacht, man hat mich versichert und sich dafür verbürgt, daß ein hochherziger Würzburger bereit ist, sobald sich ein Comitä gebildet hat. die Sammlung mit 1000 Thlr. zu eröffnen, aber bis jetzt hat sich ein Comito noch nicht gebildet. Man hat zwar von einer Seite betont, daß man auch außerhalb Bayerns bereit wäre, ein solches Unternehmen thatkräftig zu unterstützen, da man allerseits meinen Auseinandersetzungen beipflichte, man hat auch andrerseits durch Gegenvorschläge die Wichtigkeit unseres Planes geschwächt, dennoch aber ist von keiner Seite Abhilfe der bestehenden Uebelständen geschehen und so wartet diese hochwichtige Angelegenheit noch ihrer Erledigung! Warum aber hat sich bis jetzt kein Comitö gebildet, warum bleibt dies eine D’y:nn nt» jw mao „ein Pflichtgefühl, das keine Annahme findet?" Darum versuche ich heute zum öfteren Male die Aufmerksamkeit der geehrten Leser auf dieses Thema zu lenken am' ’tn« vielleicht gelingt es mir dennoch thatkräftige Männer für dieses Unternehmen zu gewinnen t>&nip’ö tn&on! Seitdem ich meinen vorigen Artikel veröffentlichte, sind wiederum 2 jüdische Pfründnerinnen in hiesiger Anstalt verstorben, wovon die eine von der isr. Cultusgemeinde Oberalsertheim (Rabbinat Würzburg), die andere von Brünau (Rabbinat Schweinfurt) einge» pfründet wurde. Erstere war 76% Jahre alt, Restaurateurswittwe und war 1 Jahr dahier, während letztere 56 Jahre alt und 6 Jahre hier war. Erstere war altersschwach, durchaus nicht tobsüchtig, letztere war gar nicht geisteskrank, war fast täglich in meinem Hause und blos weil man in Unterfranken keine Versorgungsanstalten hat, fand sie dahier ihr Asyl. Beide starben, ohne daß ein Glaubensgenosse bei ihnen zugegen war, beide wurden secirt, erstere bekam noch eine Noth-rnna, letztere konnte weder dies noch pD'-on angezogen bekommen, so voller Blut war sie! Und das, das soll in unserem so gesegneten Unterfranken geschehen, ohne daß solche unglückliche Geschöpfe Erbarmen finden! Wo bleibt da das vielgepriesene ü’jam ’jh O’jam! Freilich höre ich von gegnerischer Seite erwidern, daß man's ja doch aus pecuniären Rücksichten nicht zur Erbauuvg einer jüdischen Irrenanstalt bringen kann, es wäre dann nur eine Halbheit geschaffen! Diese Gegenrede könnte irgendwie ihre Berechtigung finden, wenn für die sonstige Krankenpflege in unserer Gegend Sorge getragen wäre, aber daß dem nicht so ist, darin muß doch wohl jeder, der mit den Verhältnissen bekannt ist, mit mir übereinstimmen. Ist es nicht deprimireud für uns, wenn in Nr. 75 der „Neuen Würzburger Zeitung" mit Sperrschrift ein Israelit dem Institut der barmherzigen Schwestern seinen Dank dafür abstattet, daß zwei ehrwürdige Schwestern eines seiner Familienglieder abwechselnd bei Tag und Nacht mit wahrer Engelsgeduld und mit aufopfernder Hingebung pflegten und die betrübte Familie durch ihren trostreichen Zuspruch beruhigten und aufrichteten? Käme dies vor, wenn in Würzburg ein jüdisches Spital wäre? Darum wiederhole ich zum Besten der nothleidenden Menschheit meinen Antrag, es mögen sich in Würzburg fünf thatkräftige Männer der Sache annrhmen, damit diesem Uebel endlich Abhilfe wird. Ich bleibe immernoch bei meiner Ueberzeugung und lasse mich darin nicht beirren, daß ein Appell an unsere Glaubensgenossen glänzende Resultate liefern würde, wenn sich nur Männer von Namen an die Spitze stellen würden! Darum, ihr Brüder ddmpö «npnl lasset eine so gottgefällige Sache nicht einschlafen und Er, der die Geschicke der Menschheit lenkt, wird Euch und Eure Familie vor Krankheiten bewahren gemäß seinem Ausspruche: *6 onsoa ’natp rfrnon to "pty o’tPN, „alle Krankheiten, die ich über Egypten brachte, werde ich von dir abwenden, denn ich, der Herr, bin dein Gott!"