Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1877)
- Date
- 1877-07-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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700 aber die heilige Schrift will damit sagen: wie die Well nicht bestehen kann ohne die vier Winde, so kann sie auch nicht bestehen ohne Israel. Was ist der Wind? Die Bewegung innerhalb des Lebenselements aller organischen Dinge, innerhalb der Luft. Wenn man sich vorstellen würde, daß diese Bewegung einmal aufhörte, so könnten Menschen, Thiere und Pflanzen nicht leben bleiben; sie müßten sterben. Dort, wohin die Sonne im Sommer ihre Strahlen senkrecht sendet, würde sich eine brennende Hitze entwickeln, der Alles erliegen müßte; dort, wo im Winter die Sonnenstrahlen nur schräg einfallen, würde vor Kälte Alles erstarren, und überall würden die Dünste die Luft derart verderben, daß das Einathmen derselben eine tödtliche Wirkung hätte. Was die Bewegung der Luft, der Wind, für die materielle Welt, das ist Israel, das ist Israels geistiges Leben für die Welt des Geistes. Alle geistig entwickelten Völker auf Erden ziehen einzig Nahrung aus Israels Lebensbaume; ohne Israel würde die ganze Welt noch im crassesten Heidenthume und Fetischdienste schmachten. Wo ist denn noch ein Volk, dessen Einfluß auf die geistige Entwickelung der Nationen sich auch nur im Entferntesten mit dem Israels vergleichen ließe? Die Weisheit der Aegypter ist eine tobte, unfruchtbare geblieben, die Jahrtausende hindurch und wird meist erst jetzt mit unsäglicher Mühe von einigen Gelehrten für einen wenig zahlreichen Kreis von Gelehrten ans Licht gezogen; ebenso, oder vielmehr noch viel geringer ist für die Entwickelung der Nationen die Cultur der Assyrer, Babilonier, Meder und Perser geblieben; etwas mehr Bedeutung, aber nicht viel mehr, hatten die Griechen und Römer, die ersteren für Kunst und Wissenschaft, die letzteren für die Klarstellung der Rechtsbegriffe. Das Judenthum aber hat die Welt umwandelt, es hat durch einige wenige Blüthen von dem mit Millionen Blumen und Früchten begnadigten Baum seiner Erkenntniß die Troglodyten des^Occidents in Menschen verwandelt, die Sclaven des Orients aus der Verthierung emporgerissen und die entnervtesten Völker des Alterthums zu neuem Leben erweckt. Aber Israel hat durch die Weltreligionen, die aus ihm hervorgegangen sind, seine Aufgabe noch lange nicht erfüllt; diese Weltreligionen sind nur Uebergangsformen für eine künftige, reine Gotteserkenntniß, für die einzige, echte, heilige Wahrheit, die in kommenden Zeiten die ganze Welt erfüllen wird und die nur durch Israel offenbart werden kann. Daher ist Israel der Welt unentbehrlich wie der Wind, der die Luft reinigt, der die allzugroße Hitze unschädlich macht, der die allzugroße Kälte zu einer erträglichen gestaltet, der die Wolken herbeiführt und mit ihnen den befruchtenden erquickenden Regen. Daher kann Israel nicht untergehen, so lange die Welt steht, und wann es in Noth geräth, so ist der Retter zur rechten Zeit da, der es nicht versinken läßt. So kann uns das Bewußtsein in Noth zu sein, sei es in geistiger oder in physischer Noth nur zum Tröste gereichen. Sehr schön spricht der Prophet Jirmijah diesen Gedanken in Echa c. 3, v. 19—21 aus: iPN-n ruyb nnoi «jy idi ’ipdj cy mwm "ioin "idt bvni* p by cb bN zpew nw „Das Gedenken meines Elends und meiner Erniedrigung, der Wermuth und der Bitterkeit — gedenken, gedenken wirds meine Seele und sich krümmen in mir: Dies werde ich mir zu Herzen nehmen, deßhalb werde ich hoffen." Das Uebermaaß des Elends, der Erniedrigung und Verbitterung ist eine Bürgschaft für die Hilfe, die Rettung, die Erlösung, die nicht ausbleiben wird, nicht ausbleiben kann. (Frts. folgt.) Die Petition preußischer SynagogcvvorjiSuSt um obligatorischeu W. Neligiousuutericht. VII. Wenn Rabbinen und Gemeindevorstände, da wo es sich um Judenthum und Talmud - Thora handelt, von jüdischer Religion und von jüdischem Religionsunterricht sprechen, so kann man vom preußischen Cultusminister nicht erwarten wollen, daß er anders verfahre. Er muß selbstverständlich, falls ein obligatorischer, jüdischer Religionsunterricht eingeführt werden soll, ihn von denselben Gesichtspunkten aus behandeln, wie den protestantischen und katholischen. Es wird sich also in nächster Reihe darum handeln, einen allgemeinen preußischen Katechismus uns für den mosaischen Religionsunterricht einzuführen. Denn daß der Staat einen Gegenstand lehren, beaufsichtigen und sich dafür in Kosten stürzen soll, das berechtigt, ja verpflichtet ihn, über die Details des einzuführenden Religionsunterrichts die entsprechenden Bestimmungen zu treffen. Wer wird also den Katechismus ausarbeiten? Davon wollen wir später sprechen. Nehmen wir zunächst an, man machte sich's ganz bequem, nehme eines der „systematischen Religionsbücher", risse das Titelblatt herunter und schreibe „Katechismus für die mosaische Reli-