Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1877)
- Date
- 1877-07-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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685 heften Kinderjahren geblieben, zu verwirren. Ich wußte nicht anders, als daß wir Geschwister, bis er vor ungefähr drei Wochen unser wahres Verhältniß mir enthüllte und mir auch mittheilte, in welchem Glauben ich geboren. So sehr ich mich ihm verpflichtet fühlte, so bitter empfand ich es, daß er mir meine Religion so lange vorenthalten. — Vorgestern endlich, fügte sie erröthend hinzu, warb er um meine Hand, ich sagte sie ihm zu, sobald er mit mir offen zurückkehren werde zu unserm angestammten Glauben. Dazu wollte er sich jedoch durchaus nicht verstehen, ward dringend und dringender, und da ich fest bei meiner Bedingung beharrte, so ließ er sich sogar zu Drohungen Hinreißen — ich hielt mich nicht mehr sicher unter seinem Dache und entfloh." Ihre neuen Freunde hatten mit dem lebhaftesten Interesse ihr zugehört. „Du bist ein braves, muthiges Mädchen," sagte der Mann freundlich, während er ihre Hand ergriff. „Ich wußte es gar nicht, daß es in H. noch Juden gebe; man hatte mich versichert," fügte er tiefaufathmend hinzu, „daß an jenem Schreckenstage alle unsere Glaubensgenossen ihr Grab in den Fluthen gefunden." „Die meisten allerdings," bestätigte Hanna, „alle jedoch nicht; denn außer mir und Simon lebt noch eine alte Frau mit ihrer Enkelin dort und bis vor sieben oder acht Jahren lebte noch eine Familie. O! rief sie plötzlich sich erinnernd: „Das müssen Verwandte von Euch gewesen sein; denn Eure Tochter gleicht einem Knaben jener Familie, mit dem ich als Kind gar oft gespielt, bis zum Verwechseln." „Ich hatte keine Verwandtschaft in H., nur mit den Meinen lebte ich dort, meine Frau und ein krankes Kind, die uns auf der Flucht nicht begleiten konnten, wurden zugleich mit Deiner Schwester gemordet." Seine Stimme zitterte vor innerer Bewegung, und alle schwiegen längere Zeit. Hanna aber konnte noch immer nicht aufhören über diese seltsame Aehnlichkeit sich zu verwundern. „Ihr könnt es Euch nicht vorstellen, wie sehr Eure Tochter meinem einstigen Spielgefährten gleicht, je mehr ich sie anschaue, desto mehr glaube ich, Gabriel vor mir zu sehen." „Gabriel," wiederholte der Andere bebend. „Ist Euch dieser Name bekannt? Er wohnte mit seiner Mutter bei einem Vetter, Alexander, glaube ich, hieß er." „Und Gabriels Mutter — ihr Name?" „War Dina." „Dina! Gabriel!" Großer Gott! — und bis wann sagtest Du, lebten sie in H.?" Der arme Knabe war schon früher gestorben, aber seine Mutter sah ich zuletzt vor sieben Jahren. — Wartet, ich erinnere mich jetzt genau an Alles. — Der schöne Knabe war zuerst gestorben, und daun nach längerer Zeit starb sein Vetter Alexander. Nach des Letzteren Tode zog Gabriels Mutter wieder in ihre frühere Wohnung im Brunnengäßchen. Dort lebte sie bis vor sieben Jahren, als sie eines Abends, mitten im Winter, in höchster Aufregung zu uns kam, das heißt zu Simon. Ich war damals ein Kind von ungefähr neun Jahren und Niemand beachtete meine Gegenwart, aber ich hatte die bleiche traurige Frau stets lieb gehabt, und darum blieb mir Alles im Gedächtniß, was sie an jenem Abend sprach; denn seitdem habe ich sie nie wieder gesehen. Sie erzählte, ihr Vetter Alexander habe auf dem Sterbebette um ihre Verzeihung gefleht, indem er ihr gestanden, daß er sie betrogen. Worin dieser Betrug bestanden, das mußte sie selber errathen und damals vermu hete sie, aus welchem Grunde weiß ich nicht, daß ihr Gatte noch lebe, während ihr Vetter ihr mehrere Jahre zuvor mitgetheilt hatte, derselbe sei. in W.. wo er auf sie und ihr Kind gewartet habe, einer epidemischen Krankheit erlegen. Am darauffolgenden Tage wolle sie selber nach W. fahren, um Nachforschungen anzustellen. Hanna hatte keine Ahnung davon, welchen Sturm von Gefühlen ihre Erzählung in der Brust des ihr Zuhörenden erregt. Er hatte das Gesicht mit beiden Händen bedeckt; regungslos saß er da. — War es wahr, konnte es denn wahr sein, was er jetzt vernommen? — Die Gattin, die er seit zehn Jahren als todt betrauert, sollte leben? — ein schändlicher Betrüger sollte sie verhindert haben, zu ihm zu eilen? — Er vermochte es nicht zu fassen — Dina, seine Dina, das Weib seines Herzens sollte leben? — konnte es denn möglich sein? — Aber Hannas Mittheilungen waren so schlicht, so gerade, trugen so sehr den Stempel der Wahrheit, nicht nur die Namen, auch alle Nebenumstände trafen zu. Er hatte doch alleGlieder der ehemaligen Gemeinde in H. gekannt, aber eine Dina außer der seinen vermochte er sich nicht zu entsinnen. Das Brunnengäßchen war die Straße, in der er die glücklichsten Jahre seines Lebens verbracht; er hatte auch Alexander gekannt und war vielleicht der einzige, der die Leidenschaft des jungen Mannes für seine Gattin von Anfang an errathen hatte. — Eines so schmählichen VerraiheS hätte er ihn freilich nicht fähig gehalten; doch, wenn er selbst in seiner letzten Stunde sich angeklagt, wer kannte da zweifeln?