Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1877)
- Date
- 1877-07-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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659 sie hatte das Fahrzeug bestiegen, daS sie einem neuen Leben entgegenführen sollte, einem Leben, tn dem sie selbständig für sich einstehen würde, daS sie, dazu war sie fest entschlossen, getreu den Lehren ihrer Religion führen wollte. Die Abfahrt verzögerte sich noch. Purpurn stieg der Sonnenball aus der glitzernden Fluth und erhellte mit röthlichem Schimmer die Stadt, die sich längs des Flusses hinzog. Unwillkürlich wandte sich Hanna's Blick der Heimath zu, die sie für immer verlassen wollte. Deutlich erkannte sie ihre bisherige Wohnung, Simons palastähnliches Haus; die eine Seite desselben war von Rauch geschwärzt, die Mauern unversehrt, doch im Innern schien das Feuer nicht unerheblichen Schaden angerichtet zu haben. Ein schmerzlicher Seufzer hob ihre Brust; es war doch die Heimath, die sie verließ, die Stätte, an der sie ihre Jugendzeit, so viele glückliche Jahre verlebt. Dort hatte Friedrich ihr seine Liebe gestanden — sie sollte ihn nimmer Wiedersehen — ihr selber unbewußt glitten Thränen über ihre Wangen. Die ersten Ruderschläge erschollen, das Wasser -rauschte, als seien schwere Körper in die Tiefe geschleudert. Hanna fuhr erschreckt aus ihren Träumen; seit jenem Tage als Simon ihr das grauenvolle Ende so vieler ihrer Glaubensgenossen enthüllt, hatte sie es gemieden, dem Flusse zu nahen; aber Nachts in ihren Träumen hatte sie oft gewähnt, das Brausen der Wogen zu vernehmen, die ihre Schwester verschlungen, und schaudernd gedachte sie jetzt, daß sie auf Leahs Grab sich befand. Die Thräne erstarrte in ihrem Auge; schwer und bange hob sich ihre Brust, doch sie ermannte sich und sich beugend über das niedere Geländer des Schiffes glitten unhörbare Worte über ihre Lippen: „Leah, Leah, Dir will ich gleichen; wofür Du gestorben , dafür will ich leben; das Element, das Dich begraben, soll für mich der Weg werden zu einem glaubenstreuen Leben." „He, Kleiner, Ihr werdet noch das Gleichgewicht verlieren" und sie fühlte sich nicht unsanft aber doch mit kräftiger Hand aus ihrer in der That etwas gefahrvollen Stellung gerissen. Erröthend stammelte sie einige dankende Worte, doch wie erschrack sie, als sie in dem freundlichen Manne einen Handelsherrn erkannte, den sie wiederholt mit Simon hatte verkehren sehen. Ob er sie erkennen würde? — Doch der alte Herr hatte keine Ahnung von ihrer Verkleidung und weidete sich höchlich an der Verlegenheit des schönen Knaben, der ihm gar wohl gefiel. Er warnte ihn, sich nicht wieder so weil über Bord zu lehnen und knüpfte ein Gespräch mit ihm an, indem er sich nach der Heimath, den Verhältnissen und das Reiseziel des Knaben erkundigte. Schon nach wenigen Augenblicken hatte Hanna sich soweit gefaßt, um mit möglichster Unbefangenheit die verlangte Auskunft ertheilen zu können. Sie fei aus einem Städtchen in der Nähe, vor Kurzem verwaist und wolle nun auf Rath ihrer Freunde zu einem Vetter nach A. Der Alte nickte ihr freundlich zu, meinte A. wäre ein recht passender Platz für junge gewandte Bursche, die in der großen Handelsstadt leicht ihr Glück machen könnten und klopfte ihr dabei väterlich auf die frisch gerötheten Wangen. Um ihre Verlegenheit zu verbergen, wendete sie sich dienstwillig zu den Reise> Effekten des Handelsherrn, die dieser eben zu ordnen begann, und sie. wußte so geschickt und behende damit umzugehen, daß der alte Herr bewundernd auf die schlanken Finger schaute, die so leicht und gewandt alles an die rechte Stelle brachten. „Höre Kleiner, wenn der Vetter in A. Dich nicht brauchen kann, so komme zu mir nach Z.; dort findest Du immer in meinem Geschäfte eine Stelle für Dich offen." Hanna dankte lächelnd und svrach ihre Ueberzeugung aus, der Vetter werde sie nicht zurückweisen." „Glaub's selber" schmunzelte der Alte „solche hübsche geschickte Jungen sind überall zu brauchen." Hanna war dieses Zusammentreffen mit dem alten Herrn nicht unwillkommen; in seiner Nähe fühlte sie sich sicher und frei und gewann hierdurch Zeit mit ihrer neuen Lage mehr und mehr vertraut zu werden. Die alte Mirjam hatte sich jedoch geirrt, das Schiff ging nicht den ganzen Slrom hinab, sondern hatte schon mit Sonnenuntergang sein Ziel erreicht; Hanna hatte aber bereits erfahren, daß im Laufe des kommenden Tages ein anderes Fahrzeug den Fluß hinunter fahren werde. Ihr freundlicher Reisegefährte setzte die Fahrt nicht weiter fort, aber weit freier und zuversichtlicher betrat sie das zweite Schiff, auf dem sie das Ziel ihrer Reise zu erreichen hoffte. Nur wenige Passagiere befanden sich am Bord; musternd glitt ihr Blick über sie hin; was sie suchte, wußte sie selbst nicht; sie hoffte nur, keinen Bekannten zu treffen und erblickte auch keinen, den sie früher gesehen. Nur ein schönes ungefähr zwölfjähriges Mädchen erregte ihre Aufmerksamkeit. Lange blonde Locken umrahmten ein zartes aber doch blühendes Antlitz, zu beiden Seiten der Stirn sah man an den Schläfen die dunkelblauen Adern durchschimmern. Die Züge der Kleinen kamen Hanna ungemein de-