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Der Israelit · 1877-07-11 · Heft 28 (11.7.1877) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 28 (11.7.1877)
Date
1877-07-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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648 gewesen, den ersten Keim des beginnenden Mißverständnisses zu ersticken. Es geschah nicht; die Herzen erkalteten nach und nach immer mehr. man mißdeutete sich selbst das Unschuldigste; jeder Theil glaubte sich von dem andern immer stärker gekränkt, die Erbitterung stieg, die Versöhnung ward mehr und mehr erschwert, der Groll blieb unverändert und der Haß vererbte sich sogar auf die Kinder. Willst Du weise sein, so gehe hin und fordere die Hand der Freundschaft von Deinem Bruder wieder, die er Dir entziehen wollte. Erdulde lieber ein geringes Unrecht, opfere Deinen Stolz, Deine Eigenliebe, Dein Selbstgefühl und thue Du den ersten Schritt zur Versöhnung, besänftige den Zornigen durch Deine Großmuth. Und wenn es sich um den berechtigsten Streit handelt, um einen ivissenschaftlichen Streit oder um die Eruirung einer religiösen Wahrheit, in Bezug auf welche die Meinungen sich noch nicht geklärt haben, so mögen die Waffen des Geistes geschwungen werden, aber fern muß gehalten werden: der Hohn, die Bitterkeit, die persönliche Verunglimvfung; diese letzteren sind nur dazu geeignet, die Wahrheit zu verdunkeln und die Gcmüther der zu Belehrenden irre zu führen. Als Gott den Menschen erschaffen wollte, berieth er sich mit den Engeln. Der Engel des Friedens sprach: Erschaffe ihn nicht, denn er wird an Zwistigkeiten Gefallen finden. Der Engel der Liebe sprach: Erschaffe ihn» denn er wird Liebe üben mit seinen Mitmenschen. Der Engel der Wahrheit sprach: Erschaffe ihn nicht, denn er wird voll sein der Unwahrheit. Und was that der Allweise? Er nahm die Wahrheit und warf sie zur Erde und erschuf den Menschen. Und die Schaar der Engel rief klagend: Herr, unser Gott, die Vahrheit, auf der die Ordnung der Dinge beruht (D’Ddü tägig) hast Du zur Erde geworfen? Und Gott sprach: So soll denn von nun an die Wahrheit aus der Erde hervorwachsen ns*« nosn pN?. So erzählen die Weisen im Midrasch. Warum aber warf Gott die Wahrheit zur Erde und nicht den Frieden, der sich doch ebenfalls der Schöpfung des Menschen widersetzt hatte? Weil der Friede niemals aus der Erde hervorwachsen würde. Der Friede mußgeschlossen und erhalten werden; die Wahrheit aber bricht sich selber Bahn, bei Solchen, von denen nicht bezweifelt werden kann, daß sie die Wahrheit ernstlich wollen und suchen. Ach, daß so viele Kräfte, die so nothwendig Wären im Kampfe gegen die Lüge, den Wahn, das Laster, die Sünde unnütz vergeudet, ja aufgeriebe» werden. — idy n« -pa» 'n. Diejenigen! welche heißen, , Gottes Volk, sie müssen sich einen im Frieden — nur dann kann Gottes Segen unser Streben zur gedeihlichen Entwickelung führen. Die Petition preußischer Iy»agoge»i»orM-k um obligatorischen M. Religioosuntcricht. v. „Unter allen Umständen, so schließt die Petition, unter allen Umständen legen wir principiell den höchsten Werth darauf, daß auch in diesem P nkte die jüdische Religion den übrigen Glaubensgemeinschaften gleich behandelt, und daß derselben im staatlichen Leben keine, selbst scheinbar ihr zur Bevorzugung gereichende Ausnahmestellung angewiesen werde." Die Fassung dieses, von den Petenten durch gesperrte Schrift besonders hervorgehobenen Schlußsatzes, legt die Vermuthung nahe, daß den Herren Verfassern schließlich doch ein Bewußtsein von Umständen aufgedämmert ist, die nicht nur theoretisch gegen die Berechtigung ihres Verlangens sprechen, sondern welche in dem zwangsweise einzuführenden jüdischen Religionsunterricht sogar die Beseitigung einer Bevorzugung erblicken lassen, deren sich bislang die jüdische Religion erfreut. Freilich wird nur eine scheinbare Bevorzugung eingeräumt, aber wir wissen schon aus dem oben gewürdigten „Anschein von Berechtigung," mit welchem der Gewissenszwang abgesertigt wurde, daß der Schein eben — trügt. Doch nein, wir wollen ehrlich sein, und auch unsererseits einräumen . daß die Bevorzugung, welche die jüdische Religion durch ihren facultativen Charakter genießt, nur eine scheinbare ist, aber allerdings scheinbar, nach einer andern Seite hin. Wir glauben nämlich, das was die Petition eine scheinbare Bevorzugung nennt, sei überhaupt gar keine Bevorzugung , sei in der That weiter Nichts, als ein der Eigenartigkeit des jüdischen Bekenntnisses gegenüber dringend gebotenes Verfahren. Ein ausgesprochener Maaßen christlicher Staat, dessen Organe thatsächlich doch auf dem Boden des Christenthums stehen, würde sich ja einen ganz unerhörten Eingriff in die Autonomie seiner jüdischen Gemeinden erlauben, wenn er die Modalitäten eines Religionsunterrichts zwangsweise decretiren wollte, dessen innerstes Wesen ihm ja vollständig fremd sein muß, bei dessen Behandlung

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