Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1877)
- Date
- 1877-06-27
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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618 Inhalt des Ganzen schließen, die hier nicht weiter erörtert werden sollen. L. Cohen, Lehrer. Berlin. An den meisten hiesigen höheren Unterrichtsanstalten ist der isr. Religionsunterricht eingeführt worden. Unter andern Lehrern ist auch der' Prediger des Berliner Resormtempels, Herr Dr. Ritter, als Religionslehrer installirt worden, ob auf Vorschlag des Vorstandes der Synagogengemeinde, dem gesetzlich das Vorfchlagsrecht zusteht , wissen wir nicht. Genannter Prediger hat seinen isr. Religionsunterricht damit eingeweiht, daß er in der ersten Stunde, an einem Samstag, die Namen der Schüler in sein Notizbuch einschrieb und dann ansing, seine Religionslehre zu dictiren. Ein großer Theil der Schüler protestirte dagegen und schrieb nicht und nur wenige Schüler folgten dem Beispiele dieses sauberen Lehrers, den Sabbat zu entweihen. Weiterer Commentar ist nicht nöthig. — Trotzdem petitionirt man von gewisser Seite um Einführung des obligatorischen Religionsunterrichts. Italien. Casale. Herr Oberrabbiner Flaminio Servi, Director des „Vessillo Jsraelitico", ist mit dem italienischen Kronenorden decorirt worden. Herr Oberrabbiner S. hat sich von jeher mit der jüd. Literatur beschäftigt und gewinnnt diese Auszeichnung eine um so größere Wichtigkeit, als sie den Beweis liefert, daß unsere Regierung für dieses Studium großes Interesse zeigt. Frankreich. Baris. Eine unglückliche Jüdin wurde zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt, welche sie in Saint Lazar verbrachte. Sie hatte daselbst ihr kaum drei Jahr altes Mädchen bei sich , das an der Halsbräune rettungslos erkrankte; die barmherzigen Schwestern pflegten zwar das Kind mit aller Sorgfalt, beredeten aber so lange die arme Mutter, bis sie, wie die Schwestern behaupten, einwilligte, des Kindes Seele durch die Taufe zu retten. Das Kind starb und wurde auf dem christlichen Kirchhof beerdigt. (Es ist doch merkwürdig, daß diese widrige Seelenfangerei kein Ende nehmen will und allenthalben, selbst in den civilisirtesten Ländern, zum Vorschein tritt.) (Un. Isr) Amerika. New-Nork. Die „Jewish Times" berichten vom 11. Mai d. I.: Vor zwei Wochen langte hier in New-Aork eine russische Familie an, die aus einem Mann, einer Frau und 5 Kindern besteht. Der über 50 Jahre alte Vater gehörte in seiner ersten Jugend zu den sogenannten Poymtschkies, das sind Kinder jüdischer Eltern, die in Folge des Ukases vom Kaiser Nikolaus ins Innere Rußland geführt, getauft und für den militärischen Dienst erzogen worden. Während seiner Dienstzeit lernteer ein jüd. Mädchen kennen, die er auch heirathete, aber nur nachdem sie sich zur griechischen Kirche bekehrte. Die Kinder wurden alle als Christen erzogen. Nachdem der Vater seine Dienstjahre beendet hatte, sehnte er sich sehr zum Judenthum zurückzukehren. In Rußland wäre es zu gefährlich gewesen, diesen Plan ausführen zuwollen; die geringste Strafe wäre Sibiren. Er beschloß daher nach Amerika auszuwandern, und vor einer Woche wurde er in dem Beth-Hamidrasch in der Ludlow - Straße durch einen Rabbiner nach dem mosaischen Ritus mit seiner Frau getraut, bei welcher Gelegenheit sein 15 Jahre alter Sohn durch Circumcision in den Bund Israels ausgenommen wurde. Bevor diese letzte Ceremonie stattfand, las der Vater in russischer Sprache aus dem alten Testamente seinem Sohne das Gebot wegen der Beschneidung vor und fragte ihn, ob er bereit sei, sich diesem Gebote zu fügen. Der Knabe antwortete , daß er sein Leben gern opfere, um nur Jude zu werden. Es war eine interessante und rührende Scene, welche den Zuschauern unvergeßlich sein wird. Die andern 2 Knaben werden später in den Bund Abrahams ausgenommen werden. New-Uork. In der Jahresversammlung der Delegaten der amerikanischen Israeliten wurde constatirt, daß die Zahl der in den Vereinigten Staaten wohnenden Juden auf 250,000 beläuft, wovon 60,000 aus die Stadt New-Iork kommen. Die Gesammtzahl der Gemeinden beträgt 341, welche Eigenthum im Werthe von 5,897,400 Dollars besitzen. Es bestehen 14 jüdische Hospitäler und Asyle, 15 den Interessenten des amerikanischen Judenthums gewidmet? Zeitungen und 4 geheime Orden für wohlthätige und soziale Zwecke.