Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1877)
- Date
- 1877-06-13
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447719--13791-2469673- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
567 Dieners, dem der Volksmund den Spottnamen „Bobby" zuerkannt hat. Die Straße nach Whitechapel verfolgend, gelangen wir an das östliche Ende der City und nachdem wir uns nochmals über das „Wo" unseres Zieles, der „Lane", bei dem blondhaarigen „Bobby" versichert haben, biegen wir links in eine Seitenstraße die „Lane" selbst und damit in das jüdische Viertel ein. Während draußen in der City und der Hauptstraße Alles ruhig und dunkel ist, schlägt uns hier ein Lichtmeer und Lärm entgegen, der uns im Anfänge vollständig verwirrt. Abgesehen von dem Gaslicht, das aus den hellerleuchteten, alten Häusern der engen Straßen herausftrömt, blenden uns die hundert verschiedenen Kerzen und Lampen, die dazu dienen oder dienen sollen, die in der engen Lane auf Tischen und Karren ausgebreiteten Waaren in das gehörige Licht zu setzen. Das Trottoir ist so schmal, daß nur je eine Person mit größter Vorsicht sich darauf bewegen kann, wir ziehen es also vor uns in den Raum zu wagen, der zwischen den auf beiden Seiten Der Straße aufgefahrenen Karren freigeblieben ist. Wir denken aber offenbar nicht daran, daß wir augenblicklich in der „Lane" sind, denn kaum haben wir es versucht, uns vorwärts;u schieben, als wir auch schon genöthigt sind, unsere Promenade in diesem Engpässe auszugeben: wir sind in einen Haufen von verfaulten Abfällen gerathen, deren einzelnen Bestandtheile sich aus unverkäuflichen Papierfetzen, Lederstückchen, Knochenatomen u. s. w.; zusammensetzen dürften und durchaus kein angc-; nehmes Aroma ausduften. Indem wir uns von dem unfreiwilligen Halteplatz los zu machen suchen, i klopft uns ein alter Glaubensgenosse in langem - Ueberrocke mit langem Haare und Barte, vertrauj lich auf die Schulter, schüttelt lächelnd seinen j grauen Kopf und als ob er uns dadurch aus der j fatalen Lage helfen könnte fragt in polnisch-eng-! lischen Jargon: „Schöne Arbakanzefs'? All' Seide, i billig!" Dabei hält er einen losen Pack buntfarbi-! gen Zeuges hin und damit kein Zweifel über den! Gegenstand herrsche, ruft uns ein vorbeigehender j Junge zu: „Aechte Arbakanzefs"! —! Wir haben inzwischen das Trottoir wieder j gewonnen, sind jedoch, wenn nicht vom Regen in? die Traufe, so doch vom Schmutze in die Klemme gerathen. Vor uns haben sich zwei corpulente Frauen postirt, deren „ächt" orientalische Züge sie! als Glaubensgenossinnen bezeichnen. Sie feilschen mit einem Hecker rm „jontefdicke" Gurken und während der jüdische Händler auf's Heiligste schwört, seine Waare nicht „einen Farthing" billiger lassen zu können, haben die corpulenten Grazien bereits eine ziemlich corpulente Gurke versuchsweise gekostet und nachdem sie ihren Zweifel über deren ächt „jontefdicken" Eigenschaft Ausdruck gegeben haben, entfernen sie sich, den Händler grollend und uns freier athmend hinter sich lassend. Einige Schritte weiter wird unsere Aufmerksamkeit auf einen Laden gelenkt, der außer „jontefdickem" Confecte ein Ladenmädchen, unzweifelhaft Anhängerin unseres Glaubens, enthält. Die Fenster des Ladens sind herausgenommen und wir können von der Straße aus nach Belieben zwischen dem feinsten Kuchen bis zum gewöhnlichsten Zuckerwcrke wählen und nehmen, wozu uns die dringende Bitte der jungen Verkäuferin unablässig drängt. Nachdem wir unfern Einkauf gewacht, folgen wir dem Strome der Kauflustigen und Neugierigen, hören das Geschrei der Händler, die in näselnden Lauten die „jontefdicke" Aechtheit ihrer Waaren von der Porzellantasse , Messer und Gabel, Hosenträger und Schuhe bis zum Ochsen-, Kalb- und Hammelfleisch, Matzen und Branntwein rc. anpreisen. Hier ist gerade ein Matzenladen, treten wir ein. Hinter dem Tische sitzt die Herrin des Hauses, bestäubt mit Mehl vom Kopfe bis zum Fuße. Im Pordertheile des Raumes sind zwei Männer eifrigst mit der Zubereitung des Osterkuchens beschäftigt, während ein Dritter mit großer Geschicklichkeit fertiges Fabrikat in hohen, bis beinahe an die Decke reichenden Säulen aufeinander häuft. Einmal eingetreten, können wir uns nicht gut ohne Entschuldigung zurückziehen. Man beachtet u: s indessen gar nicht oder scheint uns wenigstens nicht zu beachten. Greifen wir zu dem Universalmittel; unsere Gegenwart bemerkbar zu machen: husten wir! Das hat gewirkt. Mit der charakteristisch' wehmüthigen Miene fragt mich die Herrin, ohne zu reden, was ich will.'— Der Weg, den ich nach meiner Wohnung zurückzulegen habe, ist weit; ich will mir daher keine unnöthige Bürde aufladen. — Ich verlange bescheiden ein halbes Pfund Matzen; die Frau gibt keine Antwort, dreht sich herum, die drei Männer halten in ihrer Arbeit ein, sehen mich ob des kleinen Auftrages verwundert an, einer deutet bezeichnend mit seinem Zeigefinger auf seine Stirne und ich suche schnellstens das Freie mit dem edlen Vorsatz, in der Folge nur Hunderte von Pfunden zu bestellen. Nicht weit ladet uns ein Eckhaus „the King of Prusoia“ durch ein großes Plakat während der Pcsachfeiertage zu geselligen Abenden mit vorzüglicher Speise und Trank ein. Unsere Anstrengungen heute Abend rechtfertigen einen guten Trunk. Wie alle englische Wirthshäuser, so ist auch dieser Sammelplatz für Trinker in verschiedenen Abthei-