Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1877)
- Date
- 1877-06-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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561 Der Rabbi zuckte die Achseln. „Frevelnde Leidenschaft ist unberechenbar. Wer weiß, vielleicht war er eifersüchtig auf Eueren Knaben, vielleicht widmetet Ihr dem blinden Kind zu große Zärtlichkeit, vielleicht —" Entsetzt fuhr Dina in die Höhe „Um Gott! Herr, haltet Jhr's in Wirklichkeit für möglich, daß er auch darin mich getäuscht? „Ganz unmöglich scheint mir's nicht." „O Gott! o Gott!" jammerte die Kranke, „mein Kind, mein unglückliches Kind! o, wenn Ihr recht hättet, dann wüßt ich's, wo ich's suchen müßte. Dann wär's arger als tvdt, dann wär's im Kloster, dann war'seine Seele verloren — o Gott! o Gott!" sie schlug die Hände vor's Gesicht und weinte laut. Der Rabbi war tief ergriffen. „Beruhigt Euch," bat er, „es ist ja nur eine Vermuthung von mir." „Nur Vermuthung von Euch, aber mir kommt's jetzt so wahrscheinlich vor. — O, wer schafft mir Gewißheit! —" „Ihr müßt Euch fassen", fuhr der Rabbi nach einigen Augenblicken fort „müßt die Sache klar in's Auge fassen. Bedenket, selbst wenn meine Vermuthung als begründet sich erwiese, wenn selbst Euer Vetter das Kind dem Kloster übergeben, was würde Euch denn darum schon berechtigen, Euer Kind verloren zu geben. Ihr sagtet doch, es wäre ein gescheidter, frommer Knabe gewesen; wer weiß, vielleicht ist er entflohen." „Unmöglich, an Flucht konnte mein armes Kind nicht denken, es war ja blind." „Hm," sprach der Arzt nach einer etwas längeren Pause, „Blindheit macht die Flucht nicht immer unmöglich. Da muß ich Euch von einem Fall erzählen, der mir selber vor einigen Jahren vorgekommen. Einem blinden jüdischen Knaben war das nämliche geschehen, was Ihr von Eurem Kinde vermuthet, man hatte ihn dem Kloster übergeben. Doch der Knabe voll glühender Liebe für seine heilige Religion trotzte seiner Blindheit. In der Nacht, während er zum Allmächtigen um Rettung flehte, vernahm er das Bellen seines treuen Hundes unter seinem Fenster. Entschlossen riß der Blinde das Fenster auf, schwang sich hinaus, und von seinem Hunde geleitet, entfloh er aus der Stadt. Ein mitleidiger Bauer traf ihn um Morgen schlafend auf der Landstraße, er nahm ihn mit sich und durch eine glückliche Fügung gerieth er noch am nämlichen Tage unter Glaubensgenossen." Der Rabbi hielt inne, ein heftiges Zittern hatte die Kranke überfallen. „Wo traft ihr den Knaben? wo?" „In einem Städtchen, wenigeStunden von hier." „O, wenn er's gewesen — wenn — o mein Kind! mein Kind! —" wie im Fieberfrost schlugen ihre Zähne aneinander. „Gute Frau, Ihr verfallt von Extrem in Extrem; bald haltet Jhr's für zweifellos, daß Euer Kind verloren, bald für sicher, daß es gerettet, und für beides mangeln Euch doch Gründe." „Entsinnt Ihr Luch vielleicht," fragte Dina leise, „wie der Knabe hieß?" „Ich glaube — Gabriel." Dina jauchzte lautauf, „Erist's! mein Kind! mein Gabriel! wo habt Ihr ihn verlassen. Herr? o geschwind — um Gotteswillen sprecht!" „Ich habe den frommen Knaben nimmer verlassen," entgegnete der Rabbi bewegt. Dina starrt ihn an, sie hatte seine Hand umklammert. „Was wollt Ihr damit sagen?" stammelte sie. Doch der Rabbi zögerte, er hielt es für besser, sie das weitere errathen zu lassen. „Ihr habt den frommen Knaben nimmer verlassen," wiederholte sie bebend — „das heigt — das heißt — Ihr habt ihn bei Euch behalten!" jauchzte sie plötzlich. „O, führt mich zu ihm, führt mich zu ihm! geschwind!" „Gabriel"! rief der Rabbi laut. Die Thür des Nebenzimmers öffnete sich, schwankenden Schrittes tratt der leichenblasse Jüngling herein, der Arzt eilte ihm entgegen und führte ihn zu der Kranken. Starr wie ein A?armorbilv, saß Dina anfgerichtet im Bette. „Mutter," flüßterte Gabriel, „kennst Du mich nicht? ich bin's, Dein Gabriel." Da entfuhr ein schriller Jubelschrei Dinars bleichen Lippen, und Mutier und Sohn hielten sich umschlungen. Stunden waren verstrichen in seligem Entzücken. Der Arzt hatte die Glücklichen allein gelassen. Dina konnte nicht müde werden, den so lange als todt Beweinten wieder und wieder an ihr Herz zu drücken, seine Jugendfrische zu bewundern. und vor Allem sein strahlendes seelenvolles Auge. Wieder und wieder mußte er ihr von seiner Flucht erzählen und von seinem Aufenthalt im Hause seiner Pflegseltern Auch Marie lauschte mit inniger Theilname seinen Worten -und fühlte sich innig beglückt, als der dankbare Jüngling ihrer treuen Pflege erwähnte, die sie ihm als Kind während seinerKrankheit hatte angedeihen lassen. Noch am selben Tage ließ Rabbi Pineas die Mutter seines Pflegesohnes in sem Haus bringen. Mehrere Wochen waren verstrichen, Dina war genesen. Wer sie vor einem Monate gesehen, erkannte sie heute kaum wieder, die Freude hatte sie