Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1877)
- Date
- 1877-05-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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458 Jugend an das Licht des späteren Alters; es blendet Dich, Du irrst in Dämmerungen. Du kannst nicht die Vorstellungen Deiner Kindheit behalten, und doch ist das Auge Deines Geistes nicht stark genug, im Lichte zu sehen. Wisse: nur Gott selber vermag das Geheimniß des Weltalls zu durchdringen; wir Menschen müssen uns bescheiden. In Finsterniß wandelt, wer Mlt dem kleinen Lichte der eigenen Vernunft sich genügen zu können vermeint. Im Lichte wandelt, wer der Sonne sich zuwendet, die Gott am Sinai uns hat aufgehen lassen. Bekenne die Religion unsrer Väter in Deinen Gesinnungen, und Du wirst die letzten Zweifel schwinden sehen, die Dich vielleicht folterten; Du wirst das Glück, die Ruhe wiederfinden, die Du in den Gespinnsten Deiner Einbildungskraft, in den Ueberhebungen des sich verkennenden Verstandes verloren hast. Bekenne Dich offen zu der Religion Deiner Väter in B orten und dulde nicht den frechen, läppischen Spott über das Heiligste; kannst Du ihn nicht verhindern, so wende Dich wenigstens davon ab und verschließe ihm Dein Ohr. Vor Allem aber bezeuge Dein Judenihum durch Thaten; nicht, was Du denkst, sondern was Du thust, ist das Wesentliche. Schwerer ist es dem Jüngling als dem betagten Manne, immer das Rechte zu thun; bald betrügt ihn Mangel an Erfahrung und Umsicht, bald reißt die Lebhaftigkeit seiner Gefühle ihn fort. Lerne Dich selbst beherrschen, o Jüngling. Schweige, wenn Dich eine Empfindung überwältigen will, handle nicht, wenn Du fühlst, daß Du Deine ruhige Stimmung verloren hast. " Sei bescheiden, sei weise! Meide jedes Unrecht, welchen Namen es auch habe; sei nachsichtig in Deinem Urtheile über Andere; streng im Gericht über Dich selbst. Sei thätig! Wenn Du das Leben willst, so verschwende tie Zeit nicht, denn aus Zeit besteht das Leben. Lerne entbehren! Das Judenthnm verlangt von seinen Söhnen Entbehrungen und Aufopferungen; aber tausendfach wird Dir das Entbehrte durch wahrhaftes Glück, durch wahrhafte Seelengröße ersetzt werden. Wisse, der Mensch, auf der einen Seite den Thieren des Feldes, auf der andern der Gottheit selbst verwandt, lebt nur dann seiner Natur gemäß, wenn er immer empor steigt; jede höhere Stufe der Weisheit und Tugend, die er erstiegen hat, erhöht seine Glückseligkeit. Sei besonnen in der Wahl Deines Umgangs! Es ist leicht, groß und gut zu handeln, wenn man sich von Beispielen des Großen und Guten umringt sieht; aber es ist schwer, den reinen Adel des Herzens unbefleckt zu bewahren, wenn mau die Beispiele des Schlechten und Gemeinen beständig vor Augen hat. Sei vorsichtig in der Wahl Deiner Lectüre! Wahle immer das Gute, das Nützliche. Es gibt nichts Besseres, nichts Nützlicheres als das Studium der heiligen Gotteslehre. Suche Dir, selbst mit schweren Opfern an Zeit und Geld, die Fähigkeit zu erringen, die heilige Schrift in der Ursprache zu lesen, den Talmud und die talmudischen Schriften verstehen zu lernen, Dich in der Kenntniß derselben stets zu vervollkommnen. Diese Kenntniß ist die Grundlage alles wahrhaft jüdischen Lebens. Suche Vereine zu bilden zum Zwecke des gemeinsamen Studiums! Besuche die Vorträge, welche die Kenntniß der Thora bezwecken, wo immer sich die Gelegenheit bietet; und wo sie sich nicht bietet, da schaffe sie — dem ernsten Willen gelingt das scheinbar noch so Schwierige. Wähle Dir nur solche Freunde, deren Denkart die Deinige bessert, von deren Umgang Du für Geist und Herz Gewinn hoffen darfst. Sei vorsichtig im Umgänge mit Personen des andern Geschlechts. Schaue gen Himmel und bitte Gott, daß Er Dich kräftige, daß Er Dir helfe, Deine Unschuld zu bewahren; denn nirgendwo geht es so schnell bergab wie auf dem Pfade des angedeuteten Lasters, bis der Boden weicht und die gähnende Kluft über Dir zusamm'nschlägt. Fliehe die die Sinne reizenden, die Phantasie vergiftenden Schaustellungen in Theater, Oper, Ballet und Circus! Laß es Dich nicht verdrießen, wenn man Dich deßhalb „ungebildet" schimpft. Die wahrhafte, veredelnde Bildung ist ganz wo anders zu suchen als in jenen verderblichen Sinnenreizen. Groß ist der keusche Mann; sein gesunder, vom Pesthauche der Wollust unberührter Körper befähigt ihn, geistige Vollkommenheit zu erlangen, große Thaten zu vollführen. Sei keusch in Deinen Reden; kein zweideutiger Scherz entweihe jemals Deine Lippen. Der Mund, der da bestimmt ist, Gottes am Sinai geoffenbartes Wort zu sprechen, ist geweiht; nicht sollen ihn unreine Reden entweihen. Tägliches Fortschreiten auf der Bahn der Veredlung, in der Kenntniß der Gotteslehre fei Dir das Höchste.