Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1877)
- Date
- 1877-04-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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323 Feuilleton. Der Kösigliche Resident. (Eine historische Erzählung.) XVI. Kaum war Rabbi Hirsch mit seiner Gattin wieder in Bialeh angelangt, als eine Deputation der isr. Gemeinde von Minsk kam. In dieser großen Gemeinde war der Rabbinersitz vacant, und da man sich sagte, daß Rabbi Hirsch unmöglich in Bialeh unter der Herrschaft des Fürsten Lubo» mirski verbleiben konnte, so wollte man gleich die Gelegenheit benutzen, um den großen und berühmten Mann für Minsk zu gewinnen. Rabbi Hirsch erbat sich Bedenkzeit, und es war gut, daß er nicht gleich angenommen hatte, denn schon am folgenden Tage kam eine Deputation von Krakau, um Rabbi Hirsch für den Rabbinerposten dieser großen und hochberühmten Gemeinde zu engagiren, einen Posten, den einst Rabbi Moscheh Jsserlis, der Lehrer von ganz Israel und Stammvater des Rabbi Hirsch, so ruhmvoll bekleidet hatte. Hier konnte die Wahl nicht schwer werden, und schon war Rabbi Hirsch entschlossen, dem ehrenvollen Ruf nach Krakau zu folgen, als eine Deputation von Lemberg erschien. Der dortige Rabbiner war alt und schwach und bereit zurückzutreten, damit Rabbi Hirsch ^uf den Rabbtnersitz seines Vaters berufen werde; Lemberg, die Stadt seiner Kindheit, der Sitz seines Vaters, verdiente noch den Vorzug vor Krakau. Während Rabbi Hirsch noch überlegte, fuhr ein Reisewagen vor, aus dem Rabbi Bärmann stieg. Der Rabbiner eilte ihm entgegen. „Mein Retter, mein Wohlthäter," rief er, „seid mir herzlich willkommen, doppelt willkommen, da ich Eures Rathes dringend bedarf." „„Ich bin gern Euch zu dienen bereit," antwortete Rabbi Bärmann; er trat in das Wohnzimmer des Rabbinen, dessen Frau schnell den Tisch deckte, um den werthen Gast zu bewirthen. Nachdem Rabbi Bärmann gegessen und getrunken, sprach der Rabbiner: „Gott sendet mir Trost in meinen Leiden, indem man sich von allen Seiten bemüht, mir Liebe und Verehrung zu bezeugen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Bialeh nicht zu verlassen, um hier ungestört in der Thora zu forschen. Allein unter den gegenwärtigen Verhältnissen muß ich wohl meinen Entschluß aufgeben Da hat man mir den Rabbinersitz von Minsk angeboten; Krakau will mich auf den Stuhl meines Urgroßvaters berufen, und Lemberg bietet mir das Amt meines Vaters an. Nun, rathet Ihr mir, mein Lebensretter, wie soll ich mich entscheiden?" „ „Ich darf Euch hierin nicht rathen, weil ich nogea bedowor bin, weil ich in dieser Beziehung nicht unparteiisch sein kann. Ich bin heute hierhergekommen, Rabbi, um Euch zu bitten, mit mir nach Halberstadt zu gehen und unser Rabbiner zu werden. Ich weiß, es ist ein großes Opfer, das ich von Euch verlangen wollte; Ihr sollt in ein fremdes Land reisen, in eine ferne Gegend, wo Land und Leute und alle Verhältnisse Euch unbekannt sind. Allein ich dachte, da Ihr doch einmal von Bialeh fort müßt, so wäre Halberstadt ein sicheres Asyl für Euch. Da ich aber heute höre, daß sich die größten und bedeutendsten Gemeinden Eurer Heimath beeilen, Euch zu gewinnen, so stehe ich von meinem Verlangen ab. Was ist die jüd. Gemeinde zu Halberftadt im Vergleich mit Minsk, Lemberg oder Krakau? In diesen Städten wohnen in einem Gäßchen mehr Juden, als in ganz Halberstadt und mehr Talmudisten als in unserer ganzen Provinz. Freilich, was Geld betrifft, so wird es mir mit göttlicher Hilfe ein Leichtes sein. Euch besser zu stellen, als irgend eine der großen Gemeinden des Polenreiches. Allein, wie gesagt, ich verzichte auf meinen Plan; ich kann nicht verlangen, daß Ihr eine Stellung in solchen Großgemeinden zurückweiset, um mir nach Halberstadt zu folgen."" Da zog es wie Sonnenleuchten über das Gesicht des Rabbi. „Rabbi Bärmann," sagte er, „ich gehe mit Euch nach Halberstadt."" „„Ihr wolltet?"" „Ich will. Seht. Ihr erspart mir einen großen Kampf. Soll ich Krakau ausschlagen, den Sitz meines weltberühmten Urgroßvaters, sechußau jogon olenu *) um Lembergs willen, oder soll ich Lemberg, den Sitz meines Vaters, gesegneten Andenkens, zurückweisen um Krakaus willen? Nach Halberstadt aber zu gehen, das gebietet mir die Pflicht der Dankbarkeit. Ihr habt mir das Leben gerettet; mein Leben gehört von nun an Euch." „„Was ich für Euch gethan habe, war einfach meine Pflicht; ich hätte für jeden Unwissenden dasselbe gethan. Dank gebührt mir nicht dafür und ich verlange keinen solchen. Trotzdem nehme ich Euer Anerbieten an, nicht um meinetwillen, um meiner Gemeinde willen und um mein gegebenes Wort zu lösen. Also, Masel tow, Glück zu! Gott gebe Euch Glück und Segen, daß Ihr in 1) Sein Gottgefälliger Wandel möge für nns bei Gott eine Fürsprache sein und so uns schützen.