Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1877)
- Date
- 1877-04-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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318 Nicht beugt ihn äußere Gewalt; das Glück bringt ihn nicht aus der Fassung, das Unglück schlägt ihn nicht zu Boden. In allen Stürmen steht er unerschüttert; nur er beugt Alles, weil er seine Neigungen und Gemüthsbewegungen beherrscht, daß sie nie Einfluß erhalten auf seine Entschließungen. Bewundernswürdiger ist er als der, welcher rnit Hilfe unterjochter Völker andere Völker unterjochen kann, doch nicht seine Ehrsucht, wie es ja unsere Weisen so schön aussprechen: nm nx BQon -loa inr« „Wer ist ein Held? Derjenige, welcher die eigene Leidenschaft bezwingt." Er ist bewundernswerther als die größten Künstler und Gelehrten, welche herrliche, allgemein ungestaunte Werke schaffen und nicht den Frieden und die Glückseligkeit ihres eigenen Gemüths zu gründen vermögen. Allein nicht der ist schon tugendhaft, welcher sich so in der Gewalt hat, daß er nie eine Pflicht verletzt oder vernachlässigt, sondern der ist's, der ohne Rücksicht auf äußere Verhältnisse, ohne Ansehen der Person Gutes thut und die allgemeine Glückseligkeit vermehrt, ja selbst das Glück seiner Feinde. Er fühlt sich erhaben über die Ränke, Umtriebe und Leidenschaften des gemeinen Lebens und will nur beglücken, wo Andere aus Selbstsucht Böses thun. Die Weisen erzählen: Als das bethörte Volk den goldenen Götzen verlangte, da stellte sich Chur, der Schwestersohn Ahrons, der aufgeregten Menge entgegen und wurde von ihr erschlagen. Gern wäre auch Ahron den Tod des Märtyrers gestorben , allein die Erwägung, daß Gott die Ermordung des Priesters und Propheten k'lji jro niemals verzeihen würde, veranlagte ihn, lieber durch Nachgiebigkeit selbst einen Theil der Schuld auf sich zu laden, um sein Volk zu retten. Das ist echte Seelengröße. Der wahrhaft große Mann ist erhaben über Beleidigungen und Feindschaft; er läßt sich durch sie nicht hindern, denen wohl zu wollen und Nutzen zu stiften, die ihn hassen. Seine Rache heißt Vergessen, Verzeihen. Daher lehren auch die Weisen: am« Dito *pm Dito am« pnx to vTotoo mn .mm} pnpDi mnan nx „Sei von den Schülern Ahrons, der da den Frieden liebte und den Frieden erstrebte, der da die Menschen liebte und sie der Gotteslehre nahe brachte." Der wahrhaft große Mann hasset diejenigen nicht, die da fehlen, sondern betrachtet sie als das^ was sie wirklich sind, als Kranke, deren Körper die Seele drückt und beherrscht, als Irrende, deren Verstand ein falsches Gut zum Ziel oder ein falsches Mittel zum Zweck gewählt hat. So erzählen die Weisen von Ahron, daß er dem Sünder gegenüber nur um so freundlicher und liebevoller war. Dies liebevolle Benehmen von Seiten des erhabenen Mannes brachte den sündige.» Menschen dazu, daß er sich vor sich selber schämte und abließ von seinem bösen Thun. Der wahrhaft große Mann ist erhaben über die Leidenschaft der Selbstsucht und des Eigennutzes; er will nicht der edelste der Menschen sein, um der hochgeachtetste von allen zu werden. Wollte er das, dann wäre er nicht mehr edel. Er thut das Gute nicht um einer höheren Belohnung willen; seine Tugend wäre sonst nicht mehr Tugend, sondern Schlauheit' und schnöder Eigennutz. Er liebt die Tugend, weil sie göttlich ist. top} njo am nx Dnaya mn to ,D"19 „Seid nicht wie Knechte, die da dem Herrn dienen, in der Absicht, Lohn zu empfangen." Der wahrhaft große Mann will vollkommen" sein und Eins mit Gott, weil sein Geist aus Gott ist und sich zu dem erhabenen Ursprünge zurücksehnt. Er liebt das Leben, weil es ein Dasein in Gott ist; aber er fürchtet den Tod nicht, weil dieser ja nur eine geringe Aenderung in der Art des Daseins ist. Er sorgt für Stärke, Festigkeit, Geschicklichkeit und Gesundheit des Körpers als des Werkzeuges zu seiner sittlichen Vollendung. Aeußerer Schmuck und Schönheit sind ihm vorübergehende Nebendinge. Er verschmäht nicht die Freuden des Lebens; allein sie dienen ihm nur zur Erquickung des Körpers, zur Erstarkung für neue Arbeiten. Er gibt aber alle Freude hin, wenn er dadurch fremdes Wohl vermehren kann. Reichthum, Ehre und Ansehen sind für ihn kein Gegenstand der Verachtung, aber auch kein Gegenstand seines vorzüglichen Bemühens. Sie sind für ihn blos Hilfsmittel zu größerer Bemühung für das Menschenwohl. Immerdar und aller Orten ist er voll Liebe für die Menschen; fremde Undankbarkeit macht diese Liebe nicht erkalten. Seine Wohlthaten leistet er lieber im Verborgenen als vor den Augen der Menschen; es sei denn, daß erhofft, daß seineigeuns Thun beispielgebend auf Andere einwirke. Wer nach Selbstbeherrschung und Seelengröße strebt, dessen Leben ist ein wirkliches Leben. Nicht braucht er die Vergangenheit zurückzuwünschen, die