Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1877)
- Date
- 1877-01-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447701--13363-2469227- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
105 Damenbesuch; ich hätte nicht übel Lust, eifersüchtig zu werden,"" fügte sie muthwillig lachend hinzu. Er lachte heiter, mit und froh, seine sentimentale Stimmung von vorhin verscheucht zu haben, wollte sie sich wieder zu ihm setzen, doch er verwehrte es ihr. „Ich bitte Dich im Ernst, Helene, gehe ein Stündchen in'S Freie, es thut Dir wahrlich noth. Die beständige Zimmerluft und die stete Unterhaltung mit dem grämlichen alten Mann —" „„St'st."" rief Helene mit komischem Pathos und legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Ich sage ja nichts," erwiederte er lachend; „aber nicht wahr, Du thust mir den Gefallen und gehst mit Frida in den Park?" „„Nun, wenn Dir denn gar so viel daran liegt, allein zu sein, so will ich Deinen Wunsch erfüllen."" Er bot ihr die Hand zum Abschied, sie berührte sie leicht; „ich muß erst Toilette machen und Frida auch, das geht nicht so rasch," und freundlich ihm zunickend, verließ sie das Zimmer. Doch ihre Toilette nahm nicht gar so viel Zeit in Anspruch, und sie fühlte in der That das Bedürfniß nach frischer Luft; so war denn kaum eine Viertelstunde verstrichen, als sie mit Frida an der Hand wieder zu dem Commerzienrath trat. „Sind wir nicht rasch und gehorsam, Anton?" fragte sie lächelnd. Er erwiederte nichts, aber er zog die Hand, die sie ihm reichte, an die Lippen. Sie hob das Kind zu ihm empor. „Sage dem Papa Adieu, Frida." Die Kleine schlang ihre Aermchen um seinen Hals und bot ihm das rosige Mündchen zum Kusse. „Adieu, Papa." „„Adieu, mein Liebling." „Frida wird Dir auch Schönes mitbringen," fügte die Kleine mit wichtiger Miene hinzu. „Heute nicht, Frida, heute ist Sabbat, da dürfen wir nichts kaufen," sagte Helene, indem sie das Kind wieder auf den Boden stellte und sich anschickte, mit ihr das Zimmer zu verlassen. „Adieu Anton, wir sind bald zurück." Der Commerzienrath sah ihnen nach, bis die Thür sich hinter ihnen geschlossen, dann fuhr er sich mit der Hand über die Augen; was hätte er nicht darum gegeben, hätte er das Gefühl der Schuld, das seine Seele belastete, von sich abwälzen können. Indessen durchschritt Helene mit ihrem Töchterchen die laublosen Alleen des nahen Stadtparks und athmete mit innigem Behagen die reine frische Luft. Frida, ein blühend schönes, lebhaftes Kind von ungefähr drei Jahren plauderte munter drauf loS. Helene hatte beständig zu antworten, zu erklären. Trotz des milden freundlichen Wetters war der Park um diese Zeit nur von sehr Wenigen besucht; Helene war dies willkommen; sie konnte um so ungenirter mit dem Kinde plaudern. Sie hatten den sog. Schwanenteich erreicht und die Kleine konnte sich nicht müde sehen an den schönen weißen Thieren, die so stolz im Wasser umherschwammen. Schon geraume Zeit stand Helene mit dem Kinde am Teiche und hatte unaufhörlich die naiven Fragen der Kleinen zu beantworten. Das Gesicht dem Wasser zugekehrt, hatte sie den einsamen Spaziergänger nicht gewahrt, der dort die Allee heraufka'm. Auch er hatte Anfangs die Dame nicht beachtet, doch eben als er im Begriffe war, ziemlich nahe an ihr vorüberzuschreiten, beantwortete sie eine Frage des Kindes. Wie gebannt von dem Tone ihrer Stimme blieb er stehen und lauschte. „Mama," bat die Kleine, „gib Frida einen Kreuzer, die Schwäne haben Hunger, Frida will ihnen Semmel kaufen." „„Heute nicht, liebes Herzchen, Du weißt es ja, heute ist Sabbat, heute dürfen wir nichts kaufen." " „Aber Mama, die Schwäne haben Hunger, sieh nur, wie sie die Schnäbel immer so weit aufmachen." „„Heute werden schon andere Leute ihnen zu essen geben, morgen darf Frida ihnen Semmel bringen." " „Aber warum denn nicht heute?" fragte die Kleine etwas unmuthig. „Weil der liebe Gott es uns verboten hat. Du weißt doch, Frida, daß der liebe Gott Alles gemacht hat, die Schwäne und den Teich und die schöne Sonne und die großen Bäume und meine kleine Frida auch." „„Und Mama auch?"" fragte die Kleine schelmisch lächelnd. ,Und Mama auch," bestätigte Helene, „und darum gehört dem lieben Gott auch alles und wir dürfen mit allem nur thun, was der liebe Gott uns erlaubt hat. Und darum wird Frida auch nichts thun, was der liebe Gott verboten hat." „„Nein, ganz gewiß nicht"" betheuerte das Kind. „Frida hat ja den lieben Gott lieb, weil er Mama auch gemacht hat. Aber Mama, wer hat Dir denn gesagt, was der liebe Gott am Sabbat nicht haben will?"" (Fortsetzung folgt.)