Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1877)
- Date
- 1877-01-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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33 statt der versprochenen Blitze geben?"" fragte Helene lächelnd, „„lassen Sie sie mir nur lieber hier."" Er reichte ihr die Kleine und entfernte sich mit heiterem Gruße. Etwas unbehaglich blickte der Commerzienrath auf seine Frau, er zweifelte zwar nicht daran, daß sie seiner Aufforderung entsprechen und sich auf morgen zur Abreise rüsten würde, aber es berührte ihn äußerst unangenehm, daß sie es so ungern that; denn er ließ es sich angelegen sein, Alles stets nach ihrem Wunsche anzuordnen, aber heute war es ihm geradezu unmöglich. Seine Anwesenheit in M. war am morgigen Abend unerläßlich, und er konnte sich um keinen Preis entschließen, seine Frau einen Tag länger in Baden zu lassen und sie dann unter der Obhut seines Neffen die Heimreise antreten zu lassen Nein, das war unmöglich; nur dieses, dieses eine Mal mußte Helene ihm ein Opfer bringen. Er tändelte mit dem Kinde, ließ es mit seiner Uhr spielen und schaute dabei verstohlen in das mehr als gewöhnlich erregte Antlitz der jungen Mutter. „Nun, wie ist's, meine theure Helene, Du erweisest mir doch die Gefälligkeit, Dich auf morgen zur Abreise zu rüsten?" „„Verschiebe unsere Abreise auf übermorgen, Anton, ich bitte Dich inständigst."" Der Commerzie rath fuhr sich wieder mit dem Tuche über die Stirn. „Liebe, theure Helene, Du weißt, wenn es im Bereich der Möglichkeit ist, ist Dein Wunsch mir Befehl; aber zu meinem innigsten Bedauern ist es mir dieses Mal geradezu unmöglich. Deinem Wunsche zu entsprechen." Die Farbe iu Helenens Antlitz stieg noch höher und sich tiefer über das Kind neigend sprach sie leise, aber bestimmt: „„Ich reise morgen nicht."" „Helene!" rief der Commerzienrath in wirklichem Schrecken, „wie kannst Du so - so —" er brachte das Wort nicht über die Lippen, das ihm auf der Zunge schwebte' „Ich bitte Dich um des Himmelswillen, liebe, theure Helene, Du bist doch sonst nicht so schwerfällig wie die andern Damen, die Wochen lang ihre Vorbereitungen zum Aufbruch treffen müssen'; ich habe Dich so oft bewundert, wie rasch Du immer reisefertig bist, und nun, mit einem Mal legst Du großen Werth darauf, einen Tag später abzureisen. Wie soll ich das verstehen? oder" — ein plötzlicher Argwohn erwachte in ihm und machte ihn erbleichen und mit bebender Stimme fuhr er fort: „oder fesselt Dich etwas an Baden? vielleicht ein —" „„Halt ein, Anton, sprich nicht aus, was Dem! Erbleichen mir verräth, Du beleidigst die Mutter! Deines Kindes."" Voll und ruhig schaute Helene ihm in's Antlitz, j ihre bisherige Befangenheit war vollständig ge-! wichen. Erleichtert athmete der Commerzienrath j auf; ihr Heller, klarer Blick gab ihm die Ruhe wieder, er schlang seinen Arm'um ste und suchte sie an sich zu ziehen. „Verzeihung! mein liebes, holdes Weibchen, i ich weiß es ja selbst nicht, was mir da durch den Kopf geflogen ist. Aber nur dieses eine Mal mußt Du Nachsicht mit mir haben, ich bin so erregt. Die entsetzliche Schwüle des ganzen Tages, Deine Sylphidengestalt wird zwar wenig davon berührt, aber mich drückt sie danieder, und dann dieses furchtbare Gewitter und dazu die Nachrichten von Hause, die meine Abreise gebieten und Deine unbegreifliche Weigerung — sage mir doch, Geliebte, warum willst Du denn morgen durchaus nicht ab-; reifen?" j Abermals erröthete Helene, aber sie senkte den! Blick nicht. „„Morgen ist Sabbat,"" erwiderte sie! ruhig, „„und am Sabbat reise ich nicht.""! Der Commerzienrath starrte sie an, als zweifle! er an ihrer Zurechnungsfähigkeit. „Sabbat," wiederholte er, als wäre dieß ein koptisches Wort, das! er noch nie vernommen. „Sabbat? — was weiß | mein süßes Frau'chen denn vom Sabbat?" „„O, nicht viel,"" versetzte Helene, mehr und mehr erröchend, „„gar nicht viel,"" fügte sie hinzu, ohne im Stande zu sein, einen Seufzer zu unterdrücken, „„aber das weiß ich doch, daß am Sabbat jede Arbeit verboten ist, und auch das Reisen."" Der Commerzienrath glaubte den eigenen Ohren nicht trauen zu dürfen. „Aber, liebes Kind, wie kommst Du nur mit einem Mal auf solche Ideen? bisher ist es Dir noch nie eingefallen. Dich um den Sabbat zu kümmern." „Doch, Anton, doch, in den letzten vier Jahren habe ich keinerlei Arbeit am Sabbat verrichtet, habe auch nie am Sabbat Clavier gespielt, bin auch nie am Sabbat gefahren." Der Commerzienrath wechselte die Farbe; je mehr er über die ihm so seltsam erscheinenden Aeußerungen nachdachte, desto sicherer glaubte er die Quelle derselben zu errathen, und das Herz zog sich ihm zusammen. Helene gewahrte seine Erregung, in diesem Moment fühlte sie sich in Wirklichkeit nicht ganz frei und als wolle sie dafür Abbitte leisten, lehnte sie das schöne Haupt an seine Brust und schaute bittend zu ihm auf. „Nicht wahr, mein guter Anton, wir reisen übermorgen." Der Commerzienrath preßte seine vollen Lip-