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Der Israelit · 1877-01-03 · Heft 1 (3.1.1877) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 1 (3.1.1877)
Date
1877-01-03
Page
– (sequence 13)
Language
German
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13 bester Freund, ich gestehe offen, wenn es nicht meinen Begriffen von Ehre geradezu widerspräche, für die Frau eines Andern mehr als Verehrung zu empfinden, so wäre allerdings die Frau Commerzienrath Mühlheim diejenige, die ein Mehr mir einzuflößen vermöchte. Doch ich wiederhole, es widerspricht meinen Begriffen von Ehre. — Und wenn es ihnen auch nicht widerspräche, ich käme dadurch doch nicht weiter. „O, diese Frau, diese Frau — Sie müssen sie kennen lernen. Freund, dann werden Sie ihrem ganzen Geschlecht Abbitte leisten für Ihre bisherige Antipathie gegen dasselbe. Interessant dürfte es Ihnen auch sein, den Commerzienrath zu beobachten, während seine Frau von Verehrern umfchwärmt wird. Der aufmerksame Beobachter erräth es leicht, es ist ihm oft gar nicht wohl zu Muthe dabei, aber er besitzt doch zu viel aufrichtige Hochachtung für seine Frau, um auch nur die leiseste Spur von Eifersucht zu verrathen. Wie gesagt, ich freue mich in Wirklichkeit darauf, Sie bei der Frau Commerzienrath zu sehen und hoffe mit Zuversicht, sie wird Sie bekehren. Die Frau Commerzienrath Mühlheim — doch ich will Ihnen nicht all zu viel Veranlassung geben, über mich zu lächeln, darum von etwas Anderem. „Vor vierzehn Tagen hat der alte vr. W. das Zeitliche gesegnet, er war ein braver , rechtschaffener Mann, bei dem ich vor einigen Jahren eine Zeit lang als Concipient gearbeitet. Er war der Rechtsanwalt Ihres hochgeborenen Schwagers, des Grafen Staremberg, und seiner Empfehlung verdanke ich es, daß der Herr Graf mich zu feinem Nachfolger gewählt. Vorgestern hatte ich daher die Ehre, den Herrn Grafen kennen zu lernen. Wir besprachen eine geschäftliche Angelegenheit, über die ich mich selbstverständlich auch Ihnen gegenüber nicht näher auslassen kann. Im Laufe des Gesprächs forderte der Graf mich auf, ihm die angesehensten Firmen der hiesigen Geschäftswelt zu bezeichnen; ich nannte unter andern auch die Ihre. „Leo Werner," wiederholte der Graf, wie es schien, überrascht. Ich fragte, ob er vielleicht geneigt wäre, das Geschäft mit Ihnen abzuschließen. „Nein, nein," erwiderte er hastig. „Es ist ein altes Sprichwort." fügte er lächelnd hinzu, „Handelsschaft ist keine Freundschaft, und ich betrachte Leo Werner als einen theuren Freund." „Diese Aeußerung des Grafen, für den ich ein wirkliches Interesse empfinde, veranlaßt mich, Ihnen, bester Freuno, einiges von dem mitzutheilen, was man über den Grafen spricht. Der Graf ist, wie Ihnen vielleicht bekannt sein dürfte, vor ungefähr vier Monaten heimgekehrt. Seitdem beschäftigt man sich viel mit ihm. Sein tragisches Geschick, das ihm vor zwei Jahren die heißgeliebte Gattin so plötzlich entrissen, ist wieder in Aller Munde, denn seinem maßlosen Schmerz, den er betäube» wollte, schreibt man es zu, daß der ehemals so solide Cavalier ein leidenschaftlicher Spieler geworden ist. Und was noch schlimmer ist, der Graf soll nicht nur leidenschaftlich, er soll auch stets unglücklich spielen. Ich wiederhole das ondit, den» eben weil mich der Graf mit seinen Angelegenheiten betraut, kann ich mich über das nicht äußern, was mir aus eigener Anschauung bekannt ist. „Nun aber glaube ich Ihnen so ziemlich Alles mitgetheilt zu haben, was sie von hiesigen Neuigkeiten interessiren dürfte. „Ich schließe daher meinen langen Brief und hoffe recht bald durch eine Epistel von gleicher Ausdehnung von Ihnen erfreut zu werden. Leben Sie wohl, bester Freund? und behalten Sie in freundlicher Erinnerung Ihren Ihnen aufrichtig ergebenen Arnold Müller." Längst hatte Werner den Brief zu Ende gelesen und noch immer hielt er ihn in Händen und schaute träumend auf das eng beschriebene Blatt. Unwillkürlich haftete sein Blick auf jenen Zeilen, die von Helene handelten. Frau Commerzienrath Mühlheim, sprach er halb laut vor sich hin, und ein schmerzlicher Seufzer hob seine Brust. Ob er wohl im Stande sein werde, seine Fassung zu bewahren , wenn er in Gesellschaften ihr begegnen sollte? — Und Sie, wie würde wohl sie ihn empfangen? — und der Commerzienrath? — Er wollte sie nicht aufsuchen, das stand fest; aber schon jetzt bangte ihm vor den unausweichlichen Erörterungen mit seinem Freunde, der ihn so gern bei der von ihm so hochverehrten Frau einführen wollte. Einen eigenthümlichen Reiz gewahrte es ihm, eine etwaige Begegnung mit Helene sich auszumalen und mit Gewalt mußte er seine Gedanken in eine andere Richtung zwängen. Was der Freund ihm über die Verhältnisse des Grafen Staremberg mitgetheilt, erregte tn doppelter Beziehung sein lebhaftestes Interesse. Wohl hatte er gewünscht, der quäst. Aufforderung des Freundes entsprechen zu können und dem Grafen we§en seiner Spielleidenschaft Vorstellungen zu machen; doch einerseits zweifelte er an einem Erfolg derselben, andererseits, obgleich ihn der Graf als seinen Freund bezeichnet hatte, fühlte er sich ihm doch nicht so nahe, um derartige Vorstellungen wagen zu können. Doch je klarer er sich hierüber ward, desto mehr reifte in ihm ein anderer Plan. (Fortsetzung folgt.)

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