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Der Israelit · 1876-12-13 · Heft 50 (13.12.1876) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 50 (13.12.1876)
Date
1876-12-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1152 zu denken, drängte sich vor ihr inneres Auge das dunkle feurige Augenpaar, in dessen Ausdruck sie einst die reinste innigste Liebe zu lesen geglaubt — und er hatte sie verrathen — verschmäht. — Doch so sehr sie sich bemühte, sie konnte ihn nicht vergessen, sie konnte keinen Andern lieben, sie konnte keinem Andern angehören. „Nun liebes Kind", drängte der Commerzienrath, „haben Sie überlegt? wen würden Sie vorziehen?" „„Keinen"" erwiederte Helene entschieden. „Keinen?" wiederholte Mühlheim kopfschüttelnd, „das ist nicht wohlgethan, Kind, nicht wohlgethan, sage ich Ihnen." „„Und warum nicht wohlgethan, Herr Commerzienrath? Ich möchte am liebsten bei Ihnen bleiben."" „Helene!" ries er aufspringend mit dem Ausdruck des höchsten Entzückens, „verstehe ich Sie recht? ich könnte — dürfte hoffen?" Sie schaute betroffen zu ihm auf. „„Ich weiß nicht,"" stammelte sie, von unnennbarer Angst erfaßt. „Doch was frage ich viel," rief er, „ich bat Sie, mir durch einen Wink denjenigen Ihrer Verehrer zu bezeichnen, den Sie als Gatten erwählen — und Sie erwiedern: „Sie möchten am liebsten bei mir bleiben. Deutlicher kann sich ein schüchternes Mädchen nicht ausdrücken, denn Sie wissen es ja längst, wie innig ich Sie verehre, wissen es, daß es auf Gottes weiter Erde kein Wesen gibt, das ich so innig liebe, so hoch verehre, wie meine süße holde Helene." Er sah sie erbeben, sah glühende Röthe mit Leichenblässe auf ihrem Antlitz wechseln und hielt eS für nothwendig, rasch einen anderen Ton anzuschlagen und vor Allem sie nicht zu Worte kommen zu lassen. „Helene," sprach er innig, „ich will Ihnen nicht mit Worten danken, mein ganzes Leben wird Dank gegen Sie sein. O Sie haben keine Ahnung davon, welch unermeßliches Opfer ich Ihnen gebracht, als ich in Sie drang, einem Ihrer übrigen Verehrer die Hand zu reichen. Ich glaubte, Sie würden mit einem jungen glücklicher sein und betrachtete es daher als Pflicht, in Sie zu dringen, wie ich gethan. Doch wenn Sie nun einen andern erwählt, was wäre mein Loos gewesen? — ich bin ein alter Marn, stehe am Rande des Grabes und habe in der weiten Welt nicht einen Menschen, den ich liebe, außer Sie, Helene — und wenn Sie mich verlassen hätten, so hätte ich die Erde wohl bald verlassen, die ihren Reiz für mich verloren. Wohl weiß ich, daß ich alter Mann nicht im Stande bin, Ihnen das einzuflößen, was man wärmere Gefühle nennt, aber ich weiß, daß ich Ihre Achtung besitze und ich weiß, daß Sie mich wie Ihren Vater lieben, und dieses Bewußtsein mackt mich stolz und glücklich und wird es mein höchstes Streben sein, das hohe Vertrauen, durch das Sie mich geehrt, Sie nimmer bereuen zu lassen und mit innigem Vertrauen lege ich meine Ehre und meinen Namen zu Ihren Füßen." Helene befand sich wie im Traume, zuerst von unnennbarem Entsetzen erfaßt, war sie keines Wortes mächtig, doch je weiter der Comwerzienrath sprach, je mehr es ihr gelang, die Sache einigermaßen ruhig zu überdenken, desto mehr wich das ihr im ersten Momente so Schreckhafte. Zwar hatte er ihren Worten eine ganz falsche Deutung gegeben, aber wenn es denn doch unabläßlich war, sich zu verheirathen, war es da nicht in Wirklichkeit besser, sie wählte denjenigen, den sie wie einen Vater liebte und dem diese Liebe vollauf genügte, als wenn sie einen Andern, für den sie gar keine Neigung empfand und der dennoch andere Ansprüche an ihre Neigung machen könnte. Und wenn sie bedachte, daß sie am Ende gar genöthigt sein würde, diesem Andern die Geschichte ihres Herzens zu enthüllen und am Ende auch die ihrer unehrenhaften Abkunft. — Nein, nein, es war am besten, so wie es war — und wenn sie auch ein leises Zittern nicht zu unterdrücken vermochte, als der Commerzienrath einen leisen Kuß auf ihre Stirne hauchte, so zog sie sich doch nicht zurück und lauschte mit zunehmendem Interesse der Schilderungen, die er von ihrem künftigen Zusammenleben entwarf. Er hatte, wie er sagte, schon längst den Wunsch gehegt, mit ihr zu reisen, ihr die Welt zu zeigen, doch als Vormund mit seiner Mündel durfte er es der Welt wegen nicht wagen; sobald jedoch ein innigeres Band sie vereine, wolle er in die schönsten Länder Enropa's sie führen. Gleich unmittelbar nach ihrer Vermählung, die in spätestens vier Wochen stattfinden sollte, wollten sie sich auf Reisen begeben, zunächst nach Italien, dem herrlichen Lande, dessen reiche Natur- und Kunstschätze sie im Laufe des Winters bewundern sollten und dort könnten sie dann ihre weitern Pläne fassen. Er wußte so beredt zu schildern, alles so herrlich auszumalen, daß es ihm sogar gelang, dem erregten Mädchen hin und wieder eine zu- . stimmende Aeußerung zu entlocken, und außer dem einen Kuß auf ihre Stirn erlaubte er sich auch nicht die leiseste Vertraulichkeit und hatte sich sogar, als er ihr Zittem bemerkt hatte, gelobt, auch diese vor ihrer Berheirathung nicht zu wiederholen, so schwer ihm eine derartige Enthaltsamkeit auch werde» mochte. Denn seltsam, was er anfangs

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