Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1876)
- Date
- 1876-12-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1144 «*• „Aber die Auflösung derGemeinde, die durch das weitergreifende Beispiel des Austritts herbeigeführt werden könnte — hüte man sich doch ja und ja von Seiten der Reform eine solche Befürchtung verlauten zu lassen, sie könnte leicht ein gar schwer wiegendes Gewicht in die Schale des den Austritt erwägenden orthodoxen Gewissens für den Austritt legen. Kann sich die Reform nur durch meinen Nichtaustritt erhalten, so wäre ja die Fortdauer meiner Mitgliedschaft selbst bei völligem Wegfall aller Beitragspflicht eine moralische Unterstützung der Reform, d. h. eine moralische Unterstützung der Verleugnung der Unverbrüchlichkeit des göttlichen Religionsgesetzes — und welches jüdische gesetzestreue Gewissen wird eine solche Mitverantwortung auf sich nehmen wollen! Und ferner, welch' ein Armuthszeugniß stellte sich die Reform durch eine solche Befürchtung aus! Wie wenig Wahrheit muß ihrem ganzen Streben und Lehren innewohnen, daß sie selbst auf die Sympathien der eigenen Genossen nicht zu zählen wagt und sich nur durch den Fiskalzwang der Macht zu erhalten weiß! Weh'dem Religionswesen, das nicht auf die freiwillige opferfreudige Hingebung seiner Bekenner rechnen kann, es wäre des Fiskalstockes nicht werth. Daseinsberechtigung hat es nicht. „Aber wenn die Orthodoxen nicht austreten, könnten die Anhänger der Reform durch dieses Zusammenbleiben noch von ihren Verirrungen zurückgebracht werden? Auch dies ist unbegründet , und die Wahrheit ist das Gegentheil. Seit mehr als einem halben Jahrhundert haben die orthodoxen und neologen Brüder Einer scheinbaren religiösen Gemeinschaft angehört: welches Gute für die religiöse Wahrheit ist aus dieser unwahrhaftigen Zusammenkoppelung erwachsen, ist, und das ist ja hier allein die Frage, in diesem Zusammensein die Reform nicht stetig fortgeschritten, und datirt nicht das wieder hoffnungsreichere Aufblühen der Orthodoxie eben von dem Momente des wieder in Selbstachtung erwachten, zur Trennung hinstrebenden Bewußtseins des Gegensatzes? Dieses Bedenken ist daher nach aller Erfahrung ein nicht begründetes. Es ist aber noch w'eniaer als dies. Die Wahrheit liegt im Gegentheil. Nichts ist der Rückkehr zur religiösen Wahrheit und Aufrichtigkeit schädlicher, nichts leistet einem unklaren, leichtsinj nigen Hin - und Herschwanken größeren Vorschub, : als diese unterschiedlose Verquickung solcher reli-? giösen Gegensätze. «Und die Humanitätsbestrebungen, die Wohlthätigkeitszwecke, die vorzugsweise auf gemeinschaftlichem Zusammenwirkem beruhen und durch Aufhebung der Gemeindehörigkeit leiden könnten? Run, gottlob, Humanitätsbestrebungen, Wohlthätigkeitszwecke haben im jüdischen Kreise nie auf fiskalisch beizutreibende Beiträge gewartet, haben von je auf dem freien Zusammenwirken freiwilliger Vereinigungen beruht, die den Stolz der jüdischen Kreise unter allen Zonen bilden, und bleiben werden und im Dienste der Humanität und der wohlthätigen Brüderliche wirken werden, wenn auch alle religiösen Gemeinden überhaupt — wie in Amerika — nichts als freiwillige Vereinigungen sein werden. „Der wahrlich verkennt und beleidigt das tief Humane und Religiöse im jüdischen Charakter, der von der Freiheit fürchtet für das Gedeihen und Aufblühen alles Humanen und Religiösen im jüdischen Kreise. Das jüdische Herz, wie man es nennt, wir sagen: das jüdische Pflichtgefühl, die Mizwagesinnüng wird überall und zu jeder Zeit Gemüther und Hände für alles Humane und Menschenbeglückende öffnen und einen, und das Religiöse, wo es vorhanden ist, wo es eine Wahrheit des Denkens und Wollens ist, da wird es sich gerade unter dem Strahle der Freiheit zu den opfersreudigsten Vereinigungen und zu den blüthenreichsten Gestaltungen hinausleden. Und wo es nicht vorhanden, wo es keine Wahrheit ist, wo es nur als gefärbte Luxusblume hervorgezwungen, hervorgekünstelt werden soll, um ein Scheindasein zu fristen, da , spricht der Genius der Menschheit, mag's verkümmern, es ist doch kein Segen daran — „Fast schäme ich mich noch auch von dem Bedenken , von dem Vorwurf der Vergessenheit an Weib und Kind, von der Gefährdung meines Erwerbes zu reden, die ich nach der Meinung guter Freunde leicht mit meinem Austritte begangen haben könnte. Wäre diese Befürchtung in der That begründet, ein rechtschaffener jüdischer Gewerbsmann dürfte sich freuen, die in unserer Zeit gottlob seltene Gelegenheit zu haben, ein wahres „Kidusch Haschem'' zu üben. Denn es gibt wohl kaum ein größeres Kidusch Haschem, als, wo es gilt seine ernste Gewissenspflicht gegen Gott zu üben, eine Rücksicht auf pecuniären Vortheil oder Nachtheil überall nicht zu kennen. Wäre es doch ganz eigentlich ein Anlaß, das „und mit deinem - ganzen Vermögen" unseres „Schein r", mit dem wir aufstehen und uns niederlegen, einmal in offenkundigster Wahrheit zu erfüllen. „Allein diese Befürchtung hege ich nicht. Wäre es doch auch die größte Schmach für die ganze geistige und sittliche Errungenschaft, deren unsere Zeit sich rühmt, auch nur den Gedanken zu hegen, es könnten der Reform huldigende Söhne der Zeit einen rechtschaffenen Mann, von dem sie es längst gewußt, daß er dem orthodoxen Bekenntnisse aufrichtig anhängt und diesem Bekenntnisse treu lebt.