Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1876)
- Date
- 1876-12-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XVII. Jahrgang. Zweite Seitage;u Nr. 49 des Israelit. Zeitungsnachrichten & Correspondenzen. Deutschland. Nürnberg. Ein überaus schmerzliches Ereigniß, das auch weitere Kreise interessiren dürfte, veranlaßt mich,Ihnen zu schreiben. Herr M. Weinschenk, eines der geachtetsten Mitglieder unserer Gemeinde, ist auf eine sehr erschütternde Weise um's Leben gekommen. Er reiste nämlich Geschäftshalber nach Rußland, wo er ein unweit Kowno gelegenes Städtchen, Nieschawa, aufsuchte, um sich daselbst einige Zeit aufzuhalten. Da kam vor einigen Tagen an seine hiesigen Verwandten von dem Rabbiner jener Gemeinde die telegraphische Meldung, Herr W. sei den Erstickungstod durch Kohlendunst gestorben. Er hatte sich bei einem Wirthe einlogirt, der die Ofenklappe, welche seine Gäste. W. und sein Zimmergenosse, von Innen offen, gelassen, um einiges Brennmaterial zu ersparen, von Außen vorzeitig verschloß, wodurch der tödtliche Dunst ausströmtc. Der Mitbewohner wurde noch mit knapper Noth gerettet, während W. dem schmählichen Geize und Leichtsinn des Wirthes zum Opfer fiel. Aus Oie Schreckensnachricht reisten sein Sohn. Schwager und Commis dorthin, um die Leiche nach der Heimath urückzubringen. Der Rabbiner von Nieschawa hielt vor der'Abfahrt eine tiesergreifende Leichenrede, und ein ansehnlicher Leichenzug setzte sich in Bewegung, um den hochgeschätzten Gast, der in kräftiger Lebensfülle in ihre Stadt eingezogen, um so bald dem jammervollen Geschicke zu erliegen, die letzte Ehre zu erweisen. Bei der Durchfahrt durch Berlin war Herr Dr. Hildesheimer nebst einigen Freunden des Verblichenen an der Bahn, um auch ibrerseits dem Verewigten den letzten Tribut ihrer Verehrung zu zollen. Der Heimgegangene war eine Zierde unserer Gemeinde. Eifrigste Bemühung um Förderung der Thora und ihrer Institutionen,' Opferfreudigkeit in allen Zweigen edelster Humanität bildeten die Charakterzüge des Mannes. Als die hiesige Synagoge durch Neuerungen, insbesondere durch Einführung der Orgel aufgehört hatte, ein wahrhaft jüdisches Gotteshaus zu sein, war er der energische und unverdrossene Vorkämpfer für die Reinheit des Gottesdienstes, dem ganz besonders durch sein rühriges Wirken in unserer Gemeinde wiederum eine Stätte gegründet wurde. Ungeachtet seines rückhaltlosen Auftretens als Gegner der Reform genoß er dennoch in allen Kreisen der aufrichtigsten Hochachtung. Was seine Thätigkeit für rrr.n nobn betrifft, so war er mit aller Kraft bestrebt, das Institut zu Schwabach, sowie das Rabbinerseminar zu Berlin durch eigene Mittel, sowie durch Propaganda bei Freunden und Bekannten zu heben und. zu fördern. n"3"y"j*p. Q. Pr.) Aus Altona. Bei der am Mittwoch stattgehabten Wahl eines Mitgliedes des Gemeindevorstandes der hochdeutschen Jsraelitengemeinde Hierselbst an Stelle des Bankiers Albert Marburg wurde der Genannte mit sämmtlichen 53 abgegebenen Stimmen einstimmig wiedergewählt. Eine eigentliche Wahlagitation hat vor der Wahl gar nicht stattgefunden; das Resultat der letzteren galt von vornherein für nicht zweifelhaft. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. Das bekannte ultramontane „Vaterland" hat wegen eines judenfeindlichen Artikels eine Verurteilung erfahren. Der betreffende Artikel handelte über das allgemeine Wahlrecht — zieht aber unter diesem Aushängeschild gegen die Juden in Oesterreich zu Felde und fragt, wie man diese Menschen, welche an allem Unglück im Lande schuld seien, das Wahlrecht lassen könne. Der verantwortliche Redacteur, Baron v. Maundorf wurde deshalb in Anklagestand versetzt. Sein Verteidiger, vr. Hasselwachter plaidirte für den Beweis der Wahrheit der incriminirten Stelle. In der Bibel, sagte er, stehe wörtlich: Du sollst nicht mit Deinem Bruder Wucher treiben, aber mit dem Fremden magst Du wuchern. (Die bekannte falsche Uebersetzung „wuchern" statt „zinsennehmen" —). So sind denn die Juden nach ihrem Religionsgesetz zu schranken- und gewissenlosem Wucher berechtigt. Sie haben den Krach herbeigeführt und Wien wie die ganze Monarchie arm gemacht. Es wurde ihm daraus erwidert: „Ereifern Sie sich nicht, Herr Anwalt! Als getaufter Jude kennen Sie die Bibel offenbar besser, als das österreichische Gesetzbuch. Dieses gestattet nicht nur den Wucher mit Fremden, sondern auch mit Inländern.