Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1876)
- Date
- 1876-11-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1070 katholische Kirche geschmiedet werden — Juden reden ihnen das lauteste Wort in und außerhalb der Land- und Reichstage." Diese Redensarten sind so alt und so oft wiedergekaut, daß man sich nicht nur über die Stoffar.uuth der Herren Redacteure wundern muß, sondern noch mehr über die Geduld ihrer Leser, die bei so oftmaligem Auftischen einer und derselben und noch dazu nicht sehr schmackhaften Speise den Appetit nicht verlieren. Es ist übrigens bekannt, daß die kirchlichen Hetzer den Bekennern des Jude.ithumS absichtllch einen zu großen Einfluß zuschreiben, um ihnen allein daS aufzubürddn, was der kirchliche Kampf auf beiden Seiten Erbitterndes bietet. Wenn ihre Angaben sich als wahr Herausstellen würden, so würde das dem regen Geist der Juden ebenso viele Ehre machen, als dem Christenthum und seinen Bekennern dadurch ein geistiges Armuthszeugniß der beschämendsten Art ausgestellt werden würde, da diejenigen, die in unserer Zeit das Ruder führen, doch nur durch überwiegende Fähigkeiten eine so hervorragende Stellung können eingenommen haben. Der Kulturkampf ist aber nicht das Werk der Juden, die ja als Glaubenspartei der Sache ganz fernstehen, er ist eine staatlich erkannte Nothwendigkeit in der freiheitlichen Entwicklung Deutschlands. Das Reich kann mit einem zweiten Reiche in sich nicht bestehen und würde durch solch ein Zwitterwesen wieder dahin kommen, wo es zur ^eit Heinrichs IV. stand. Sich selbst und ihrer Anmaßung haben die Ultramontanen die Heftigkeit zuzuschreiden, mit der die Regierung im Einverständnisse mit dem Volke ihren gerechten Forderungen Nachdruck verleiht. Die Juden allein können das Rad der Weltgeschichte ebensowenig in seinem Laufe aufhalten, als vorwärts drängen. Ist aber dieser Kampf eine Sache des Vaterlandes, die gegen anmaßende Glieder desselben ausgekämpft werden muß, dann dürften die Juden stolz darauf sein, mit in den Reihen der Kämpfer zu stehen, dann müßte es ihnen Ehrensache sein, nicht gleichgiltig zu bleiben und es wäre eine Schande für sie, wenn sie zurückständen. Von ihnen könnten die Herren Schreihälse lernen, immer mit Hintansetzung aller andern Rücksichten der Fahne des Vaterlandes und seiner wahren Entwicklung treu zu sein — das haben die geschmähten Juden auf dem Schlachtfelde bewiesen, so fassen sie auch ihre Sendung im Frieden, so im geistigen Kampfe gegen Vaterlandsfeinde auf. Das bloße schadenfrohe Hetzen überlassen sie der Partei, als deren treuer Anhänger sich der Verfasser des betagten Artikels deutlich genug kennzeichnet. Aber das Beste kommt erst. „Wo immer eine Glaubenslehre oder eine Institution der Kirche verhöhnt wird — Juden stehen an der Spitze; wo Pöbelexcesse gegen religiöse Orden und Processionen auftauchen — Juden schreien am ärgsten; wo es gilt, eine Sündfluth von Lügen, Verläumdungen oder erdichteten Thatsachen auf den Clerus zu schleudern, um seine Autorität und Mission zu vernichten — da sind obenan die Juden." Man k.nin kaum begreifen, was der verehrte Verfasser angeführten Artikels unter Verhöhnung von 'Glaubenslehre versteht und in welcher nichtklerikalen Zeitung so etwas zu finden ist. Wo soll sich denn Spott gegen tue katholische Religion bemerkbar machen? Wir wünschten, daß uns einige Proben von solchen Religionsverhöhnungen angeführt würden, wo der Katholik und seine heiligen Gebräuche in irgend einer Art bespöttelt werden, wo ihm in solcher Art entgegengetreten wird, wie es im „Wiener Vaterland" in Bezug auf die Juden getrieben wird. Wenn in der Presse etwas geschieht, so wird nur die politische Anmaßung der Geistlichkeit in ihre Schranken zurückgewiesen, der Bekenner des Kacholicismus in seiner Anhänglichkeit an denselben wird davon durchaus nicht berührt. Wenn wir aber von Pöbelexcessen hören, iu denen die Juden gegen Processionen anreizen sollen, so müssen wir wirklich erstaunt fragen, von welchem Lande das „Vaterland" spricht »nd in welches Jahrhundert es diese Thatsache verlegen will? Denn diese sind und waren in Wirklichkeit niemals vorhanden, sie leben nur in der etwas zu lebhaften Einbildungskraft gewisser Herren. Woher aber dieseabgeschmackten Anschuldigugen den geistlichen Kämpfern nur in die Feder fließen mögen? Sollten es unwillkürliche undunfreiwillige Erinnerungen an ihre eigene Handlungsweise zur Zeit ihrer einstigen Macht sein, die sie zu solchen Herzensergüssen veranlassen? Dann müssen wir die Stirne bewundern. mit welcher hier an etwas Aehnliches zu erinnern gewagt wird. Denn wenn wir jener Partei den Sündenzettel schreiben sollten, wir würden ganz dieselben Ausdrücke gebrauchen, wie der verehrte Herr Glaubensstreiter, nur daß der Refrain nicht „es sind die Juden," sondern, „es waren die Geistlichen," lauten würde. Wer war es denn anders, der Jahrhunderte lang in Stolz und Uebermuth alle anderen Religionen und besonders die jüdische verhöhnte? Wer war es, der den Pöbel gerade bei den hier erwähnten Processionen in heftigen Passionspredigten gegen die Juden, die „Mörder des Heilands" aufreizte und das unschuldige Blut mit Freuden fließen sah? Und was die falschen Anschuldigungen betrifft — wer war es, der von Gebrauch des Christenkinder-