Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1876)
- Date
- 1876-11-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1032 jetzt erinnere ich mich, die kleine Theresa; sie war ein kluges, liebenswürdiges Kind; ihre Augen hingen stets an meinen Lippen, wenn ich die Kleinen unterrichtete. Womit kann ich Ihnen dienen, mein Herr?"" „Ich bin der Baron Hohenacker aus Wien. Ich bin zwar Jude von Geburt, habe aber vom Judenthume bisher nicht viel erfahren. Ich möchte unter Ihrer Leitung die Religion meiner Väter kennen lernen " „„Ein sehr löblicher Entschluß! Und da hat Fräulein Bernstein Sie an mich gewiesen?"" „Nein, das hat sie nicht; ich habe nur von ihr vernommen, daß sie ihre Ansichten und Grundsätze großentheils Ihnen verdanke, und da trieb es mich, den Mann kennen zu lernen, der ein so vortrefflicher Lehrer sein muß." Haha, dachte der Rabbiner, der Mann soll die Bernstein heirathen und soll vorher so ein wenig oberflächlich zum Juden gemacht werden, um den Schein zu wahren. Zu einer solchen Fabrication gibt sich der Rabbiner vo.: M. nicht her. „Mein alter Freund Bernstein," fragte er laut, „ist wohl sehr reich!" „„Nicht doch, er ist gänzlich verarmt; seine Tochter ernährt sich und ihn durch Ertheilung von Musik-Unterricht."" Der Verdacht des Rabbinen verschwand vollständig bei diesen Worten. „Gut, mein Herr," sagte er, „ich nehme Sie als Schüler an. Um die Religion unserer Väter kennen zu lernen, müssen Sie vor Allem die hebräische Sprache erlernen." „„Ist das durchaus nothwendig?"" „Durchaus. Keine Übersetzung kann Ihnen den Sinn unserer heiligen Religionsschriften erschließen. Ein einziges Wort der Sprache, in welcher sich Gott einst unseren Voreltern am Sinai offenbarte, erschließt oft mehr Gedanken als es große Abhandlungen in andern Sprachen vermöchten. Keine Uebertragung vermag die heilige Ursprache zu ersetzen. Aber ich habe nicht die Zeit, Ihnen einen so ausgedehnten und anhaltenden Unterricht zu ertheilen. Ich werde Ihnen daher einen meiner Schüler empfehlen. Zuvor habe ich aber moch eine Bedingung zu stellen " „„Reden Sie, Herr Rabbiner."" „Da Sie die Religion unserer Väter nicht kennen, so werden Sie dieselbe wohl auch praktisch nicht üben." „„Ich bin in einem nichtjüdischen Pensionate erzogen worden."" „So empfehle ich Ihnen zunächst die genaue Beobachtung des jüdischen Religionsgesetzes in Speise und Trank, in Arbeit und Ruhe, in Kleidung und Wohnung. Sie müssen zu diesem Zwecke den von mir empfohlenen Schüler zu sich, in Ihre Wohnung, nehmen, sich von ihm überall hin begleiten lassen. mit ihm in einem Zimmer schlafen, damit er Sie immer, und zu jeder Zeit auf Alles aufmerksam machen kann, was Sie zu thun und was Sie zu lassen haben." „„Aber, Herr Rabbiner, ich dächte, es wäre besser, daß Sie mich erst in den Grundsätzen der Religion unterrichteten, damit ich, nachdem ich von diesen überzeugt. dann mit voller Hingebung zu der praktischen Ausführung schreite."" „Nein, mein Herr, nicht also. Wie unsere Voreltern am Berge Sinai einst sprachen: „Wir wollen thun und hören" — erst thun, und dann verstehen, so müssen auch Sie die That allem Andern vorausgehen lassen. Nur durch die That können Sie rechte und wahrhafte Belehrung finden. Freilich, die Uebung all dieser Thaten wird Ihnen schwer genug werden. Tausend Dinge, an die Sie nicht gewöhnt sind, werden Ihnen lästig fallen; vieles, was Sie unterlassen müssen, wird Ihnen unentbehrlich erscheinen. Wir Andern kennen die Schwere des Joches der Gebote Gottes kaum. da wir von Jugend an daran gewöhnt sind worden. Ihnen aber, dem Alles fremd erscheinen muß, wird dieses Joch unerträglich drückend sein. Dennoch ist diese Bedingung unerläßlich. Soll ich mit Ihnen philosophiren über Gott, Seele, Unsterblichkeit, Freiheit des Willens, Nothwendigkeit, Weltenlenkung, Bestimmung Israels und hundert andere schwierige Themata? Jahre würden vergehen, ehe wir sie alle erörterten, und wir hielten da, wo wir gehalten haben. Nein, lernen Sie das Juventhum praktisch kennen, lernen Sie die heilige Schrift im Urtext lesen und verstehen. Was Ihnen schwierig erscheint und was Ihr Lehrer Ihnen nicht erklären kann, darüber befragen Sie mich. Und wenn es Ihnen ernst i t mit Ihrem Wunsche — tzies ist der einzige Weg. der zum Ziele führt. (Fortsetzung folgt. Hierzu zwei Beilagert. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).