Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1876-11-08 · Heft 45 (8.11.1876) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 45 (8.11.1876)
Date
1876-11-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2447645-2447687--13073-2468925
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1031 Feuilleton. Theresa. ix. Als Baron Hohenacker nach Hause kam, war er so schwach und angegriffen, daß ihn sein treuer Diener Franz sogleich zu Bette bringen und nach dem Arzte schicken mußte. Dieser fand, daß ein hitziges Fieber im Anzuge war. Viele Wochen schwebte Baron Hohenacker zwischen Leben und Tod, bis endlich seine kräftige Natur und sein jugendliches Alter die Krankheit überwanden. Als der Kranke sich auf dem Wege der Genesung befand, überkam ihn eine unnennbare Sehnsucht nach Theresa. Er vertraute sich seinem Arzte an, und dieser ging selbst, um die Clavier-Lehrerin zu veranlassen , den kranken Baron zu besuchen. Allein Theresa weigerte sich entschieden, dem Wunsche des Kranken zu willfahren. Von diesem Augenblicke an trat eine Verschlimmerung in dem Befinden des Barons ein; der Arzt fürchtete einen Rückfall. „Ach," seufzte der Kranke, „wenn ich sie nur einmal wieder Clavier spielen hören könnte! ' Der Arzt begab sich auf's Neue zu Theresa. „Mein Fräulein." sagte er, „ich mache Sie sür das Leben meines Patienten verantwortlich. Wenn er Sie nur einmal Clavier wird spielen hören, so wird er genesen. Beharren Sie aber bei Ihrer Weigerung, so wird er sterben." „..Ich werde in Begleitung meines Vaters kommen,"" sagte Theresa. Auf diese Freudenbotschaft hin erholte sich der Kranke. Als Theresa mit ihrem Vater in's Zimmer trat, saß der Baron in einem Lehnsessel; er wollte sich erheben, aber er vermochte es nicht; so schwach war er. „Gott segne Sie," rief er Theresa zu; „Sie retten mir zum zweiten Male das /eben." Und als er sah, daß sie Notenhefte bei sich hatte, fragte er: „Was haben Sie mir mitgebracht? Vielleicht etwas von Schubert?" „„Nein,"" sagte Theresa, „..es sind einige altjüdische Melodien, hie erst jüngst für das Clavier adaptirt sind worden.""*) Sie setzte sich an das Instrument und fing an, die Melodie des Kol-Nid.v zu spielen. Der Baron war tief ergriffen. Thränen entströmten seinen Augen. Als Theresa geendet hatte, sagte er: „Welch' eine wunderbare, innige, ergreifende Melodie! Die dringt tief bis in das Innerste des Herzens." „„Es ist der Gesang, welcher das Versöhnungs- Fest einleitet."" „Das Versöhnungsfest? Es ist mir wie ein Traum. Seit meiner Kindheit habe ich dieses Fest nicht gefeiert." Theresa spielte noch andere synagogale Melodien; sie machten auf den Bacon den tiefsten Eindruck. Endlich klappte Theresa das Notenheft zu, schloß das Clavier und schickte sich an zu gehen. „Siegehen. Theresa? Ohne mir ein begütigendes Wort gesagt, ohne mir einen Hoffnungsschimmer eröffnet zu haben?" „„Leben Sie wohl. Herr Baron, ich wünsche Ihnen alles nur erdenkliche Gute/'" „Theresa, Sie forderten mich einst auf, die Religion Israels kennen zu lernen. Habe ich Hoffnung, Sie zu erringen, wenn ich ein frommer, gesetzestreuer Jude werde?" ,,.,Es sollte mich unendlich freuen, wenn Sie die Religion unserer Väter kennen und üben lernten; Ihre Gattin würde ich dennoch nicht werden."" Herr Bernstein und seine Tochter gingen. Der Baron blieb allein zurück. „O, dies herrliche Mädchen," sagte er, „und ich habe das Glück, sie jemals besitzen zu dürfen, verscherzt! Wenigstens will ich suchen, ihr Freude zu machen. Sobald ich genesen sein werde, reise ich nach M., um mich von ihrem ehemaligen Lehrer unterrichten zu lassen." Die Genesung des Barons ging von da an sehr rasch von Statten. Schon nach wenigen Wochen konnte er nach M. reisen. Er ließ sich zum Rabbiner führen. „Sind Sie der ehemalige Lehrer des Fräuleins Theresa Bernstein?" fragte er. Der Mann sah ihn befremdet an. M .Theresa Bernstein?"" entgegnete er, „„wer ist das?"" „Ach, Sie verzeihen," antwortete der Baron, „ich habe ungeschickt gefragt. Herr Bernstein hat einst hier in M. gewohnt und da hat seine Tochter Theresa die unter Ihrer Leitung stehende Schule besucht." ') Auswahl alter hebräischer Synagogal-Melodien sür das Pianoforte bearbeitet von A. Marksohn und William Wolf Leipzig, Breitkops und Härtel. Preis 3 Mark.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.