Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1876)
- Date
- 1876-10-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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988 iragte mich, meinem Herrn zu sagen, daß daS Fräulein ihn nicht mehr kennen wolle und ihm den Rücken zukehren werde, wo immer sie ihm begegne."" „Und was enthielt der Brief?" fragte der Untersuchungsrichter. „„Ich weiß es nicht,"" sagte Franz. Der Beamte sah Theresa fragend an; diese erröthete. „Es wird mir schwer," sagte sie, „es auszusprechen. Der Brief enthielt das Versprechen des Barons, meinem Vater zu helfen, wenn." Theresa konnte nicht weiter reden; Thränen der Scham entströmten ihren Augen. „Schon gut," nahm der Untersuchungsrichter das Wort, „ich weiß schon, was ich zu wissen brauche. Sie haben seitdem den Baron nicht wieder gesehen?" „„Bis gestern Abend."" „Ihre Aussage, mein Fraulein, ist, wie gesagt, von der größten Wichtigkeit. Geben Sie mir Ihre Adresse, damit ich weiß, wo Sie zu finden sind, wenn ich Ihrer nochmals bedürfen sollte. Und ehe Sie gehen, mein Fräulein, empfangen Sie die Versicherung meiner größten Hochachtung. Sie haben eine tödtliche Beleidigung iu edelster Weise gerächt." Theresa ging; Franz war schon vorher entlassen; der Untersuchungsrichter blieb allein. Er überlas die Notizen, die'er sich gemacht hatte. „Sind Sie es, Fürst?" hatte der Ermordete gefragt. Es war also der Mörder ein Fürst. „Ha," rief der Richter, „das kann kein anderer als der von Eifersucht gequälte Fürst Rodenstein sein." Er eilte auf das Bureau des Polizeidirectors und theilte ihm den Stand der Untersuchung mit. Die beiden Beamten gesellten sich noch einen Dritten zu und fuhren nach dem Palais des Fürsten Rodenstein. Dieser war sichtlich verwirrt, als ihm die Beamten gemeldet wurden. Die Herren folgten dem meldenden Diener ohne die Antwort des Fürsten abzuwarten. „Durchlaucht," sagte der Polizeidirector, „wir sind gekommen, Sie über die Ermordung des Grafen Barewski zu vernehmen." „„Mich?"" fragte der Fürst, „„was habe ich damit zu schaffen?"" „Es liegen dringende Verdachtsgründe gegen Eure Durchlaucht vor." Der Fürst erbleichte, seine Kniee zitterten. Doch bekämpfte er die Schwäche und fragte: „Haben Sie nicht den Baron Hohenacker als den muthmaßlichen Mörder verhaftet?" „„Allerdings, doch hat sich ein Zeuge gefunden, welcher . . . Der Polizeidirector wurde durch e»n Geräusch unterbrochen; der dritte Beamte, der ihn und den Untersuchungsrichter begleitete, hatte auf dem Schreibtische des Fürsten die Spitze eines Dolches erblickt; der Dolch war von einem Haufen Schriften bedeckt, nur die Spitze war sichtbar. Der Beamte war an den Schreibtisch geeilt und hatte den Dolch, an dem das Blut des Ermordeten klebte, hervorgezogen. Der Beamte hielt den Dolch triumphirend in die Höhe. Der Polizeidirector warf einen Blick auf den Dolch. „Mein Fürst," sagte er, „ich verhafte Sie!" „„Zu spät!"" rief Fürst Rodenstein. Auch er hatte die Entdeckung des Dolches bemerkt und hatte schnell einen kleinen Revolver aus der Tasche gezogen. Ein Knall, und Fürst Rodenstein stürzte zu Boden. Die drei Beamten eilten auf den Unglücklichen zu und hoben ihn auf. Die herbeigeeilten Diener legten ihn auf den Divan. Ein Arzt wurde herbeigeholt. Dieser erklärte die von der Revolver- Kugel hervorgebrachte Wunde für tödlich. Fürst Rodenstein lebte noch einige Stunden. Er hatte noch so viel Zeit, ein offenes Geständniß abzulegen. Ja, er war der Mörder des Grafen Barewski. Von Eifersucht gequält, hatte er ihm aufgelauert und ihn getödtet. Der Untersuchungsrichter begab sich in das Gefängniß des Baron Hohenacker. „Herr Baron," sagte er, „Sie sind frei. Ihre Unschuld ist erwiesen. Eine junge Dame, die Sie tödtlich beleidigt haben, war zufällig Zeugin des Verbrechens. Der Mörder des Grafen Barewski, Fürst Rodenstein, hat sich selbst das Leben genommen. Sie aber verdanken Ihre Freiheit einem edlen Mädchen, der Musiklehrerin Theresa Bernstein." Baron Hohenacker war wie erstarrt. Er konnte sich der wiedergewonnenen Freiheit nicht freuen. Das Bewußtsein der großen Schuld, die er Theresa gegenüber auf sich geladen, drückte ihm schier das Herz ab. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehma.nn. — Verlag der Le Ronx'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'- Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).