Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 39-40 (27.9.1876)
- Date
- 1876-09-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XTO. Jahrgang. Zweite Leilage;n tlr. 39 & 40 -es Israelit. Zeitungsnachrichten & Gorrespondenzen. Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Wien. Der Vorstand der spanisch-portugiesischen Großgemeinde zu Tripolis vereint mit dem Großrabbiner der Juden in der Berberei haben im Namen ihrer Glaubensangehörigen Herrn Ignaz Deutsch in Wien ein an den Kaiser von Oesterreich gerichtetes Gesuch übersendet mit der Bitte, Herr Deutsch möge dasselbe überreichen. In dem betreffenden Majestätsgesuch, welches in hebräischer Sprache abgefaßt ist, wird hervorgehoben, daß seit der Reise des Kaisers nach Palästina sich der Ruf von dessen Liebe und Gerechtigkeitssinn für alle seine Staatsangehörigen auch in Asien und Afrika verbreitet habe. Da nun in Tripolis kein österreichisches Consulat besteht, ersuchen die Bittsteller, daß ein in ihrer Mitte durch Geist und Wissen hervorragender, reichbegüterter Mann zum unbesoldeten kaiserlichen Consul ernannt werde, damit nicht nur die Handels-Interessen Oesterreichs daselbst gewahrt, sondern auch die Juden von Tripolis und der Berberei in ihren Rechten geschützt werden. Frankreich. Paris, 18. Sept. Am 28. August feierte die israelitische Gemeinde von Algier in dem Sommertheater Malakoff ihre vollständige Verschmelzung mit Frankreich durch die Erfüllung der Militär-Pflicht. Seit der Eroberung von Algerien durch die Franzosen war die jüdische Bevölkerung den Eingebornen gleichgestellt gewesen, indem sie weder alle Rechte der französischen Staatsbürger genoß, noch alle Pflichten, welche einem solchen obliegen, zu erfüllen hatte. Das Gesetz vom 6. November 1875 machte diesem Zustande ein Ende und die erste Abtheilung israelitischer Rekruten sollte sich Anfang September nach Frankreich einschiffen. Sie waren zu einem Abschieds-Punsch im Sommer-Theater geladen, und der Feierlichkeit wohnten außer den ansehnlichsten Mitgliedern der Gemeinde die Maires von Algier, Saint-Eugone und Mustapha, Abgeordnete. Gemeinde-Räthe, Vertreter des israelitischen ConsistoriumS und der algerischen Presse bei. Feuilleton. Prosrlytcii. Don Friedrich Rott. XIX. Der Tag neigte sich zu Ende, in dem langen Corridor, der zu Werners Zimmer führte, herrschte bereits Dämmerung; er hatte daher den Fremden, der schon seit einiger Zeit seiner wartete, nicht gewahrt und fuhr zusammen, als er sich nun plötzlich angeredet hörte. „Habe ich die Ehre, Herrn Leo Werner vor wir zu sehen?" fragte der Fremde höflich. Werner öffnete die Thüre zu seinem Zimmer; der Corridor ward hiedurch etwas erhellt und er erblickte einen bejahrten Mann in Livreekleidung. „Leo Werner ist mein Name, was wünschen Sie?" „„Meine Herrschaft, die Frau Gräfin Staremberg, lassen sich Herrn Werner empfehlen und dringend bitten, Herr Werner wolle die Güte haben, mich zu der Frau Gräfin zu begleiten."" Eine mächtige Bewegung malte sich in Werners ausdrucksvollen Zügen. Seit nahezu sechs Jahren, seit sie den entscheidenden Schritt getha», hatte er seine Schwester nicht gesehen trotz ihrer wiederholten schriftlichen Einladung. Seine Lippen bebten, als dränge sich Frage auf Frage ihnen auf, doch kein Laut entrang sich ihnen. Endlich ermannte er sich: „Ich habe nicht die Ehre, die Frau Gräfin Staremberg zu kennen; ich kann mir daher nicht die Freiheit nehmen, sie zu besuchen." Der greise Diener schüttelte den Kopf. „„Sie kennen meine Herrschaft nicht? die Fra« Gräfin ist eine geborne Werner."" Werner zuckte die Achseln. „Ich habe nicht die Ehre." „„Um Gotteswillen, Herr!"" rief der Fremde flehend, „„versagen Sie der Frau Gräfin die Bitte nicht. Sie ist leidend, sehr leidend und bittet dringend um Ihren Besuch."" Werner wandte fich ab, wie mit unsichtbarer Macht zog es ihn zu dem einzigen Wesen auf Er-