Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1876)
- Date
- 1876-09-13
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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875 schüft völlig freigegeben, trotz der hohen Bedeutung, die sie durch ihre topographische Lage und durch die große HandelSthätigkeit hat, deren Centrum sie bildet. (Schluß folgt.) Feuilleton. Me Wischt Gcmin-c zu Nom im Z. 1705. (Aus dem Italienischen des „Corriöre Jsraelitico" übersetzt von Eman. Fink.) Die Vorsteher der Gesellschaft „zur Auslösung jüdischer Sclaven" zu Venedig hatten sich an die jüdische Gemeinde in Atom mit der Bitte gewandt, sie zu Gunsten ihrer armen, unglücklichen Glaubensgenossen mit Geld zu unterstützen. Auf dieses Ersuchen antworteten die Rabbiner zu Rom mit folgendem Schreiben, welches von Januar 1705 datirt, und in welchem ihre eigene Haltlosigkeit und ihr eigenes Elend mit wahrheitsgetreuen Farben geschildert wird. Der Brief lautet: „Glück und Segen den ehrwürdigen Rabbinen der Stadt Venedig und den edlen Vorstehern, welche sich mit solch' großem Eifer und aufopfender Liebe für das Wohl ihrer armen, unterdrückten Glaubensgenossen bemühen. Euer werthes Schreiben erhielten wir durch den ehrwürdigen Rabbiner Zacharias Urbino, den Gott beschützen möge. Als wir es lalen, wurde unser Gemüth heftig bewegt und erschüttert und wir waren schnell bereit, an den Thüren unserer Glaubensgenossen um Hilfe und Unterstützung für die verlassenen Sclaven zu bitten. Ueberall jedoch erhielten wir dieselbe abschlägige Antwort, aber nicht aus Gleichgiltigkeit oder egoistischer Berechnung, sondern wie wir uns selbst überzeugten, weil in der That Niemand zu helfen im Stande war. „O, wir Unglücklichen! welch' traurige Veränderung ist in unseren Vermögensverhältnissen vorgegangen! Wir kennen keinen Luxus mehr, sind nicht mehr an geschmückte Gewänder gewöhnt, sondern müssen uns mit alten, abgetragenen und abgenutzten Kleidern begnügen. Keine Ehre, keine Achtung, nur Schande und Schmach! O, kommt, kommt ihr Reisenden, schüttelt mitleidig Euer Haupt, erhebet ein Klagegeschrei über diese Gemeinde, die ehemals so reich, so ruhmvoll und mächtig war, die stets mit Liebe jede Art von Wohlthätigkeit ausübte: jetzt ist sie gesunken, sie ist arm, entkräftet, elend! Unsere Schulden betragen beträchtliche Summen und es fehlen uns alle Mittel, um sie zu tilgen. Selbst dahin, wo in vergangenen Zeiten die jüdischen Kaufleute ihre Geschäfte abschlossen, kommen jetzt öffentliche Beamten, um ohne Mitleid die Steuern von den Armen einzutreiben. In unseren Straßen bört man nur Jammer, Klagen und Seufzer, unsere Bethäuser sind gefüllt von hiflosen Armen, welche kommen und gehen, indem sie Almosen für sich und ihre Kinder verlangen, und laut und kläglich schreien: Hav, Hav!' (Gib! Gib!) Das Alles müssen wir sehen und können doch kein Mittel;ur Abhilfe finden. Auf wie schreckliche Weise wächst da- Elend von Tag zu Tag. Es ist wahr, daß die Gemeinde manchem Armen eine wöchentliche Unterstützung gewährt; aber ihre Zahl ist so klein, daß ein kleines Kind das Verzeichniß derselben aufstellen könnte. Die Erwerbsquellen find versiegt und die Taschen leer. Durch einen Regierungserlaß nahm man den Armen sogar ihre Betten, wo ihre müden Glieder ausruhten; und nun müssen die Elenden auf ihren Lumpen schlafen. Wie unglücklich sind Diejenigen, die solch ein Elend zu sehen gezwungen sind! Ihr müßt unsere Gemeinde für todt halten, und Todten ist eS nicht möglich, zu wohlthätigen Zwecken beizusteuern. Laßt uns schweigen von der schweren und unerträglichen Steuerlast, die man uns aufbürdet, und durch die viele ehemals reiche und wohlhabende Familien an den Bettelstab gebracht worden sind. O, möchte doch der allgütige Gott uns nicht dazu verdammen, daß wir selbst die Hilfe Anderer für unsere Kinder beanspruchen müssen! Wir fürchten sogar, daß der Fürst, wenn seine Beamten ihn von der Unmöglichkeit der Steuererhebung bei den Juden berichten, als Pfand für die Schulden uns unserer Kinder berauben wird, was Gott verhüten möge! Doch wir wollen schließen! Von Herzen beten wir zu dem Allmächtigen, daß er uns von unserer schrecklichen Erniedrigung erhebe und daß er in Zukunft uns Mittel gewähre, um, wie wir es immer thaten, jedem Bittenden zu helfen. Wir sind überzeugt, daß Ihr uns nicht der Kälte und der Theilnahmlosigkeit beschuldigen