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Der Israelit · 1876-09-13 · Heft 37 (13.9.1876) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 37 (13.9.1876)
Date
1876-09-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
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£68 armen Leute so für sich begeistert hatte. Frau Levi theilte ihm mit, was man von ihren Verhältnissen erzählte. Sie sei die einzige Tochter des verstorbenen Baron Carl von Mosbach aus L. und einzige Erbin von dessen colossalem Vermögen; denn der Baron, der gegen den Willen seiner Familie ein armes aber unbescholtenes Mädchen zur Frau genommen, hätte seinen übrigen Verwandten keinen Kreuzer vermacht. Wann der Baron gestorben, wußte die Wittwe nicht. Helenens Mutter habe bis vor sechs Jahren gelebt und zwar mit ihrer Tochter in L., wo auch der Commerzienrath früher gewohnt. Dieser sei jedoch schon vor zwölf Jahren in die Residenz übergesiedelt, und nach dem Tode ihrer Mutter habe er auch seine Mündel hierher in fein Haus genommen. Allgemein war es aufgefallen, daß der Commerzienrath dem Heranwachsenden Mädchen keine Gouvernante hielt; doch er hatte seine Eigenheiten, ließ sie von den anerkanntesten Lehrern in allem Möglichen unterrichten, begleitete sie wöchentlich einige mal in's Theater oder in die Oper und glaubte hiedurch für ihre Erziehung und Bildung den strengsten Anforderungen entsprochen zu haben. Daß Helene die Hartherzigkeit ihres Vormnndes nicht selten durch die reichsten Wohlthaten wett machte, war stadtbekannt. „Nor Emüneh fehlt ehr", klagte der Pole, „hält' se nor Emüneh." Im Innersten seines Herzens stimmte Werner diesem Wunsche bei. Er dachte sich das zarte anmuthige Wesen am Bette der armen Kranken, deren schwaches Haupt sie sorgsam stützte und süßen Saft ihr einflößte. Seit nahezu vier Jahren, seit seine Schwester ihn so schnöde verlassen, hatte er sich für kein weibliches Wesen interessirt. Sogar mit der ihm früher bestimmten Braut hatte er gebrochen. Auguste Meier hatte sich nämlich in auffallend liebloser Weise über seine Schwester geäußert und obgleich Niemand mehr, alK er es _ tfjat, ihren Schritt verdammen konnte, so war es ihm doch unerträglich, in dieser Weise von ihr reden zu hören, namentlich von derjenigen, die ihm so nahe treten sollte. Denn er hatte noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben, daß sie dereinst das Entsetzliche ihrer Handlungsweise erkennen und bereuen werde; erhoffte noch immer, daß sie dereinst zu ihm zurückkehren werde. Seltsam, Helene hatte auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit Hermine und dennoch erinnerte sie ihn so lebhaft an diese; es war vielleicht das Graziöse, Anmuthige, das den Bewegungen beider eigenthümlich. Frau Levi erzählte viel und ausführlich über die Verhältnisse und Gewohnheiten der jungen Erbin, nach denen sie sich zwischen gestern und heute möglichst eingehend erkundigt hatte. Werner und der Pole lauschten aufmerksam ihren Worten, während die Leidende in einem unruhigen Schlummer dalag. Die Krankeit zog sich in die Länge, Helene hatte gleich am ersten Sonntag dem Polen eine ansehnliche Summe übergeben und ihn und die Wittwe dringend gebeten, es der Kranken an nichts fehlen zu lassen. Durch eine Geschäftsreise ihres Vormunds sich in ihren Bewegungen freier fühlend, besuchte sie die Unglückliche täglich, verbrachte oft Stunden am Krankenbette, der Wittwe die Pflege erleichternd und in echt weiblicher Weise der Kranken bald eine Erleichterung, bald eine Annehmlichkeit verschaffend. Oft traf Werner sie hier, denn auch er unterstützte die Armen reichlich und erkundigte sich häufig nach ihrem Befinden. Und wenn er dann zuweilen sah, wie das elegant gekleidete Mädchen mit den schmalen weißen Händen kühlende Compressen auswand, um sie der kranken Polin auf die glühende Stirne zu legen oder wenn er sah, wie sie Arznei oder kühlenden Trank ihr reichte, dann versagte ihm oft das Wort; bis ins Innerste seines Herzens fühlte er sich ergriffen und mit jedem Tage ward das mildthätige Mädchen seinem Herzen theurer. Auch Helene hatte ihre anfängliche Schüchternheit gegen ihn längst abgelegt und als nach einigen Wochen die Polin sich auf dem Wege der Besserung befand und der beständigen Pflege nicht mehr bedurfte, da unterhielt sich ihre junge Wohlthäterin oft und gern mit dem Manne, der gleich ihr der Unglücklichen sich erbarmt. „Morgen kommt mein Vormund zurück", sagte Helene eines Tages zu ihren Schützlingen, als die Frau beinahe vollständig wieder hergestellt war, „von morgen an werde ich nur selten zu Ihnen kommen können, aber Susanne wird Sie fleißig besuchen und mir Bericht über Ihr Befinden erjumen. Die arme Frau ergriff die Hand des jungen Mädchens und drückte sie an ihreLippen. „„Aber eh mer weckgehn, derf mer Se noch sehn?"" fragte sie mit gepreßter Stimme, „„sein Se doch der Engel, den Hakodeschborechhü uns Hot geschickt in unser Elend", und zwei große Thränen rollten langsam über die bleichen faltigen Wangen der Polin. „Seien Sie unbesorgt," erwiederte Helene freundlich, „vor Ihrer Abreise besuche ich Sie noch. Aber augenblicklich können Sie doch noch nicht an's Reisen denken, Sie sind ja noch zu schwach." Auch auf Werner, der eben anwesend war

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