Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1876)
- Date
- 1876-09-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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843 Und wo sollten sie eine neue Heimath finden? Die Reichen mußten verarmen, die minder Wohlhabenden verhungern, die Schwachen und Kranken dem sichern Tode entgegengehen. Da kömmt ein Mann die Straße herauf; Oppenheim kennt diesen Mann; es ist der Kammerdiener des Fürsten. Der Jude geht ihm entgegen, zieht den Hut und verneigt sich bis zur Erde. Dann nimmt er eine seidne Börse und drückt sie dem Manne in die Hand. „Was soll das, Jude?" fragt dieser barsch. „ „Es sind fünfzig Dukaten, Herr Kammerdiener, die ich die Ehre habe Ihnen zu überreichen."" „Und was soll ich damit?" „„Sie sollen die Gewogenheit haben, mir bei Sr. Durchlaucht eine kurze Audienz zu verschaffen, ich will nur ein einziges Wort mit Sr. Durchlaucht sprechen."" „Nehmt Euer Geld wieder, Jude, ich kann Euch das nicht besorgen, der Fürst hat auf das Strengste verboten, einen Juden zu ihm zu lassen." „„Ich bitte schön, Herr Kammerdiener, verschaffen Sie mir die Audienz! ich werde den fünzig Dukaten noch fünfzig hinzufügen!"" „Ich kann nicht, ich kann nicht, ich komme um meinen Dienst." »»Ich werde noch hundert hinzufügen!"" „Und wenn Ihr mir Tausende bötet, ich kann nicht, ich darf nicht. Nehmt Euer Geld wieder!" „„Behaltet das Geld, Herr, ich habe es Euch einmal gegeben."" Der Kammerdiener steckte wohlgefällig die Börse in die Tasche, grüßte leicht und verschwand im Innern des Palastes. Rathlos stand Oppenheim im Vorhofe. „Was soll daraus werden?" sprach er seufzend, „o Gott, mein Gott, verlaß mich nicht. Dir, Allmächtiger, ist die Hilfe leicht, selbst in der äußersten Noth." In diesem Augenblicke trat ein Bedienter in den Vorhof, eine Menge Schuhzeug tragend, um eS im Vorhofe zu reinigen; es war der Stiefelwichser des Fürsten. Oppenheim zog den Hut, verneigte sich und sprach: „Guten Morgen, Herr Stiefelwichser!" Dieser wollte gerade den Gruß erwiedern, da sah er. daß es ein Jude war, den er vor sich hatte. Er spuckte aus und sagte: „„Pfui, ein Jude! nein, einen Juden grüß' ich nicht."" „Und warum nicht?" fragt« Oppenheim. „„Ihr Juden habt unfern Herrgott an das Kreuz geschlagen."" „Er kann mir glauben, Herr Stiefelwichser," entgegnete Oppenheim, schmerzlich lächelnd, „ich bin nicht dabei gewesen." „„Das macht nichts, dann haben es Eure Voreltern gethan. Was will der Jude?"" »Ich will eine alte Schuld einkassiren. Sein Großvater, Herr Stiefelwichser, ist mir 60 Dukaten schuldig geblieben und da möchte ich Ihn bitten, mir das Geld zu bezahlen." „„Ist der Jude verrückt? ich soll die Schuld meines Großvaterbezahlen?"" „Und Er will mich verantwortlich machen für das, was meine Voreltern vor zweitausend Jahren gethan haben sollen?" Verblüfft schaute der Stiefelwichser darein. „Der Jude hat Recht," murmelte er. „Kann ich Ihm vielleicht mit etwas dienen, mein Freund?" fragte Oppenheim. . „Ja, das könnte Er schon, Herr Jude! ich gebrauche nothwendig 200 Dukaten, wenn Er mir die schenken wollte? Die Röfel, die Tochter des Herrn Hausmeisters, die ist mir gut und ich habe sie auch gern, da möchten wir uns halt heirathen, aber der Herr Hausmeister will's nicht zugeben, er sagt: Du hast nix und die Rösel hat nix, und wenn Du nicht vorher 200 Dukaten hast, so wird nix drraus."" „Ich will Ihm die 200 Dukaten schenken!" „„Das wolltet Jhr.thun, Herr Jude?"" „Ja, aber Er muß mir eine Audienz beim Fürsten verschaffen, oder doch wenigstens dazu verhelfen, daß ich den Fürsten sprechen kann. Ich habe ihm nur ein Wort zu sagen." „„Nein, Herr, dazu kann ich Euch nicht verhelfen, der Fürst hat es strenge verboten; ich würde eine Tracht Prügel bekommen und aus dem Dienste gejagt werden."" „Und wenn Er im Dienste bleibt, würde Er sich da bald 200 Dukaten ersparen können?" „„Daß Gott erbarm'! noch in 10 Jahren nicht. Wißt Ihr was, Herr Jude, ich will's riskiren! man stirbt ja nicht gleich von einer Tracht Prügel. Geht nur hin und holt die 200 Dukaten. Ich rede unterdessen mit Sr. Durchlaucht und bitte ihn fußfällig, daß er Euch die Gnade gewährt, Euch anzuhören."" Oppenheim ging, das Herz voll freudiger Hoffnung. Unterdessen saß der Fürst in seinem Arbeitszimmer vor einem großen Haufen diplomatischer Schriftstücke. „Welch' eine Mühe und Last," sprach der allgewaltige Minister zu sich selber, „all' diese umfangreichen Depeschen durchlesen zu müssen! wenn sich doch nur die Diplomatie einer kürzeren Ausdrucksweise befleißigen wollte! Doch, es ist Zeit, daß ich mich in die Burg zum Ministerrath begebe."