Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1876)
- Date
- 1876-08-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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775 Schleier, den Herminens Antlitz bedeckte und schaute voll Entzücken in die wonnestrahlenden Augen, dann zog er ihn wieder über die erglühenden Wangen, winkte dem Diener, nahm von dessen Arm einen kostbaren Pelzüberwurf, hüllte das sunge Mädchen sorgsam darin ein und Hub sie nun erst aus dem Wagen. Hermine glaubte zu träumen, als sie am Arm des Grafen durch die wogende Menge schritt. In ein Coupe erster Classe stiegen sie ein und der Bahnbeamte schloß die Thür. Schrill ertönte das Pfeifen der Locomotive; der Zug setzte sich in Bewegung. „In anderthalb Stunden sind wir in Schloß Staremberg und eine halbe Stunde darauf bist Du mir angetraut. Ich habe für Alles gesorgt. Der alte.Kaplan wird uns gewiß jetzt schon in der Schloßkapelle erwarten; Deine Kammerjungfern haben sicher längst schon den Brautanzug geordnet und harren ihrer Herrin." „„Ich habe Deinem Wunsche gemäß gar nichts mitgenommen,"" unterbrach ihn Hermine erröthend. „Dank Dir, Geliebte! Hoffentlich wirft Du trotzdem nichts vermissen. Ich habe einen zuverlässigen Diener beauftragt, für Alles zu sorgen; er wäre Jahrelang der Kammerdiener meiner seligen Mutter und wird von jetzt an zu Deinem Dienste bereit sein; er weiß, was einer Gräfin Staremberg gebührt." Gräfin Staremberg! Hermine hätte laut aufjauchzen mögen. Bilder stolzesten Glückes zogen an ihrem inneren Auge vorüber — doch mitten in diesen Träumen höchster Glückseligkeit glaubte sie die Stimme ihres Bruders zu vernehmen, schaute in sein bleiches angsterfülltes Antlitz, das die öden Räume der Heimath suchend durchstreifte. Enger schmiegte sie sich an den Grafen und seine schmeichelnden Liebesworte hatten rasch auch diese Mahnung verscheucht. Die Zeit verstrich, gegen drei Uhr schob der Graf die Vorhänge von den Fenstern zurück und bat Hermine hinauszuschauen, die Eisenbahn schlängelte sich jetzt durch sein Besitzthum. Vor den wonnetrunkenen Blicken des jungen Mädchens erhob sich auf einer waldbedeckten Anhöhe seitwärts von der Bahn ein hohes, majestätisches Prachtgebäude. „Das ist unser Stammsitz, Schloß Staremberg? Sieh, wie auf seinen Zinnen die Fahnen wehen; das alte Schloß hat sich geschmückt, seine junge Herrin zu empfangen. Noch zwei Minuten und wir sind am Ziel." „„Und wirst Du es denn nimmer bereuen, daß Du ein armes bürgerliches Mädchen als Herrin in das Schloß Deiner Ahnen eführt?"" „Hermine, diese Frage kam nicht aus Deinem Herzen." „„Nein, Du hast Recht, aus meinem Herzen kam sie nicht Mein Herz ist ausschließlich erfüllt von Liebe zu Dir, und die Liebe ist wie der Tod, sie macht Alles gleich."" Ein schriller Pfiff unterbrach sie, der Zug hielt. Mehrere reich gallonirte Diener harrten an der Eisenbahnstation; sobald der Zug hielt, eilten sie die Wagenreihe entlang, nach ihrer Herrschaft spähend. Der Graf lehnte sich aus dem Fenster und winkte ihnen; froh erregt eilten sie zu ihm hin. Der Schaffner öffnete die Thür des Coupons; der Graf sprang heraus und half dann seiner Braut den Wagen verlassen. „Ist Alles in Ordnung, Caspar?" wandte er sich an den ältesten Diener. „„Alles, gnädiger Herr. Befehlen der Herr Graf, daß die Equipage dicht zum Perron fährt?"" Der Graf bejahte und geleitete Hermine dem beranrollenden Wagen entgegen. Sie war so erregt, daß sie, keines Wortes 'mächtig, fast wie im Traume den Anordnungen des Grafen entsprach. Der Weg zum Schlosse zog sich in Schlangenwindungen, den Park durchschneidend, die Anhöhe hinan. Jetzt fuhren sie in den Schloßhof ein, in dem die Gesammtdienerschaft des Grafen Spalier bildend seiner harrte. Ein donnerndes Lebehoch begrüßte ihn. Herminens Arm in dem feinen, schritt Staremberg, jeden Einzelnen freundlich grüßend, durch die Reihen der Diener die Schloßtreppe hinan. Oben erwartete sie der Castellan. „Im Boudoir der Gräfin ist Alles in Bereitschaft?" „„Alles, Herr Graf, die Zofen harren dort der gnädigen Gräfin."" „So will ich Dich vor Allem dorthin geleiten." Sie schritten durch die architektonisch prächtige Halle, die breite marmorne, mit kostbaren Teppichen belegte Stiege hinan auf eine Reihe Prachtgemächer zu. Die der Graf Herminen als die ihren bezeichnete. „Hier ist Dein Boudoir," sagte er, indem er eine der Thüren öffnete und sie vor sich eintreten lassen wollte. Doch sie hielt sich schwankend an seinen Arm; die Pracht, die sie vor sich sah, die