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Der Israelit · 1876-08-16 · Heft 33 (16.8.1876) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 33 (16.8.1876)
Date
1876-08-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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774 ten sonst krank werden, und was würde dann der junge Herr sagen?" Noch immer heftig weinend, doch willig wie ein Kind, folgte Hermine der Alten; sie fühlte sich so erschöpft, daß sie sogar dem Zureden der Alten nachgab und sich nochmals auf's Bett legte, und es währte nicht lange, so hatte die Alte die Freude, ihre junge Herrin in ruhigem Schlummer zu treffen. Zufrieden trippelte sie hinaus, die ihr obliegenden Haushaltungsgeschäfte zu besorgen. Mehrere Stunden waren verstrichen; die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel, als Hermine erwachte. Der Schlaf hatte sie wunderbar erfrischt; verschwunden war ihre weichherzige Erregung, die beim Abschied von ihrem Bruder sie überkommen; nur Ein Gedanke erfüllte ihr Herz und ließ des Himmels Seligkeit sie spotten: sie sollte noch heute dem Geliebten angehören. Hastig sprang sie auf und vollendete ihre Toilette; dann begab sie sich hinaus, die alte Dienerin aufzusuchen; sie fand sie in der Küche mit der Bereitung des Mittagsmahls beschäftigt. „Liebe Katharine", sagte sie, „es ist so öde hier im Hause; in Abwesenheit meines Bruders bin ich nicht im Stande, diese Einsamkeit zu ertragen." Die Alte fuhr sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen. „„Armes, liebes Fräulein, ich kann mtr's denken, aber der junge Herr wird gewiß übermorgen zurückkommen und dann wird Alles Wieder gut sein."" Hermine schüttelte den Kopf: „Ich halte es bis dahin nicht aus in diesen Räumen. Aber weißt Du, was ich beabsichtige? ich werde meine Freundin Auguste Meier besuchen und bis zur Heimkunft meines Bruders bei ihr verweilen; Herr und Frau Meier waren ja immer so freundlich gegen mich, sie werden gewiß nichts dagegen haben." „„O gewiß nicht,"" stimmte die Alte bei, „„das ist wirklich eine gescheidte Idee, Fräulein Hermine, und gewiß das Beste, was Sie thun können."" „Und ich kann mich doch darauf verlassen, daß Du das Haus hütest und es bis zur Ankunft meines Bruders unter keiner Bedingung verlässest." „„Ei freilich nicht."" „Ich weiß, Du bist zuverlässig und verlasse ich mich ganz auf Dich. Doch der Weg zu Meiers ist weit, wolltest Du so gut sein, mir eine Droschke zu besorgen?" „„Aber doch jetzt nicht, Fräulein? Sie werden doch erst zu Hause zu Mittag essen."" „Ich bin es nicht im Stande, gute Katharine; die Einsamkeit hier im Hause schnürt mir das Herz zusammen; darum ersuche ich Dich, besorge mir unverzüglich einen Wagen." „„Nun, wenn Sie es denn nicht anders wollen, so eile ich."" Und sie eilte in der That, die treue Alte, die durch das Vertrauen ihrer jungen Herrin sich innig geschmeichelt fühlte. Hermine hüllte sich in einen dunkeln Langshawl, den sie nur selten zu tragen pflegte, befestigte einen dichten Schleier an ihren Hut, empfahl der treuen Alten nochmals, das Haus wohl zu hüten und eilte die Stiegen hinunter. „Zum Bahnhof," flüsterte sie dem Kutscher zu, der den Wagenschlag hinter ihr schloß. Sie zog beide Fenster in die Höhe und lehnte sich in eine Wagenecke zurück. So war denn der erste Schritt geschehen, ungehindert hatte sie die Heimath verlassen — und wenn er nun heimkommen würde, ihr treuer Bruder, der sie so innig liebte, der nur für sie lebte — wenn er heim kommen und das Haus leer finden würde — die einzige Schwester entflohen. — Bei diesem Gedanken sprang sie auf und war im Begriff, an das Fenster der Droschke zu pochen, um dem Rosselenker ein Halt zuzurufen. — Doch in diesem Moment machte der Wagen eine Wendung und kaum hundert Schritte von ihr entfernt erhob sich das stattliche Gebäude des Bahnhofes vor ihren Blicken — sie glaubte den Grafen Staremberg am Eingang desselben zu erkennen, und vergessen war ihr Bruder. Hastig zog sie ein breites rothes Band aus ihrer Tasche, öffnete das eine Seitenfenster ein wenig, ließ das Seidenband hinausflattern und befestigte das Ende, indem sie das Fenster wieder schloß. Es war dieses das mit dem Grafen verabredete Zeichen. Seit nahezu einer Stunde harrte Staremberg bereits am Eingänge des Bahnhofes, jeden der heranrollenden Wagen in ängstlicher Spannung musternd, und als das ersehnte Zeichen noch immer nicht sichtbar wurde, da wollte er fast verzweifeln, rannte voll Ungeduld hin und her und hätte in seiner immer mehr und mehr sich steigernden Erregung den Wagen, der ihm die Geliebte zuführte, sicherlich übersehen, hätte nicht der vertrante Diener, den er unablässig aufforderte, nach dem rothen Bande auszuspähen, ihn auf den eben heranrollenden Wagen aufmerksam gemacht. Mit einem kaum unterdrückten Freudenschrei eilte Graf Staremberg dem eben haltenden Wagen entgegen, riß die Thüre desselben auf und preßte mit stürmischer Gluth die Geliebte an sein wild klopfendes Herz. Worte wurden nicht gewechselt, Beide waren zu erregt. — Nur auf einen Moment hob der Graf den

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