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Der Israelit · 1876-07-26 · Heft 30 (26.7.1876) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 30 (26.7.1876)
Date
1876-07-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
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702 Theure Glaubensbrü-er! Wenn ich auch bis zum Ueberdrusse für die armen russischen Glaubensbrüder bitten und betteln, ja wenn ich mir selbst manche beschämende Abweisung gefallen lassen müßte — so würde ich es doch nicht unterlassen, in ihrer Noth an die Thüren Eurer Herzen anzuklopfen, zumal die Geber dadurch wenig beeinträchtigt, den Bedrängten aber Liebesthaten von unberechenbarem Werthe erwiesen werden. — Es handelt sich diesmal um den Neubau eines Bet- und Lernhauses einer kleinen russischen Gemeinde, der sich unter so eigenthümlichen Vorgängen vollzieht, daß diese wohl erzählt zu werden verdienen. Vor ungefähr einem Jahr, oder wohl noch länger, forderten mich zwei bekannte und befreundete Rabbinen auf, (R. Josijah Heller, indessen zum Kreisrabbiner von Telsch berufen und R. Salomon Sachs, indessen verstorben y's"t) beivermögenden und wohlthätigen deutschen Glaubensgenossen der höchst ärmlichen Gemeinde Kurzian züm Neubau ihrer kleinen Synagoge einige Unterstützungen zu vermitteln. Ich hielt das damals nicht für angezeigt, war jedoch später so glücklich, den armen Menschen M 150 — für diese Leute schon eine beträchtliche Summe — übermitteln zu können. Vor wenigen Tagen kamen die Vorsteher der gen. Gemeinde zu mir und ließen nicht eher mit Bitten nach, bis ich einwilligte, mit ihnen an Ort und Stelle zu kommen. Ich unterzog mich all der Mühseligkeiten des sechs Meilen langen Weges, genügte all den peinlichen und kleinlichen Förmlichkeiten um über die Grenze gelassen zu werden und gelangte nach anstrengender Fahrt auf einem kleinen Leiterwagen nach Kurzian und traf beider im Rohbau bis zum Dache fertigen Synagoge die versammelte Gemeinde. Hier ist der Ort zu einer nothwendigen Paranthese. Man hüte sich diese fleißigen, redlichen überaus bescheidenen Menschen nach jenen Schnorrern zu beurtheilen, welche als der Auswurf der größeren Gemeinden sich in der ganzen Welt umhertreiben. Hier haben wir es mit in ihrer Art gebildeten Leuten zu thun; denn „gelernt" haben sie sämmtlich, Manche sogar recht viel. Der Sprecher, ein noch juuger hübscher Mann, erzählte: „Hier am Orte wohnen 13 Familien und 1L in der Umgegend auf dem Lande zerstreut. tr sind sämmtlich aus den großen Gemeinde weil wir uns dort nicht mehr ernähreu konnten, hierher gezogen. Nur zwei von uns, welche ..as Vermögen haben, sind Pioduktenhändl^, drei sind Landkrämer, die andern haben kleine Krambuden hier am Orte, alle übrigen sind Fuhrleute, herumziehende Haudwerker und kleine Ackerbauer, welche vom Grundherrn, Grafen P.'ater kleine Grundstücke gepachtet haben. Nur hier, Herr Sack, ist der Verwalter eines sehr großen, gräflichen Gutes, das an 60 Pferde und an 500 andere Stück Vieh ernährt. Wir konnten ohne Gotteshaus nicht länger bleiben, sonst wäre unser Leb.n gar kein menschliches Leben — Arbeiten, Entbehren, ja Darben und Dulden, darin besteht die ganze Summe unseres Lebens. In den größeren Orten, wo überall unsere Glaubensgenossen die überwiegende Masse der Bevölkerung bilden, da sind sie, wenn auch durch staatlichen Druck schwer belastet, zum wenigsten im bürgerlichen Lebeu Herr und Meister; hier aber sind wir nur eine verschwindende Minderheit und darum dem fanatischen, unwissenden und abergläubischen Volke rücksichtslos preisgegeben. Unsere Litthauer sind sonst gutmüchige Menschen und wir haben früher auch recht gut mit ihnen gelebt; allein da sind römisch-katholische Geistliche ins Land gekommen, die von weiter nichts Reden führen, als von den gottesmörderischen Juden und den Fanatismus des Volkes derart erregen, daß sie uns viel Schlimmes zufügen. Wo sollten wir anderwärts Erholung, Ruhe, Trost suchen und finden, als in unserem Beth-Hamidrasch, das, wie in allen kleinen Gemeinden, gleichzeitig unser Gotteshaus ist? Hier flnden wir uns nach der Arbeit zusammen, lernen gemeinschaftlich ein Blatt Gemoroh oder einen Perek Mischnoh u. s. w. und dreimal des Tage, öffnen wir hier unscr Herz und lassen die innigsten Gebete zu unserem Gotte ausströmen; „das tröstet uns von unserer Arbeit und von der Mühseligkeit unserer Hände auf dem Erdreiche, welches . . . Aber lassen Sie mich den Satz lieber nicht vollenden; vielleicht ist cs so das Veste. Vor etwas mehr als drei Jahren haben wir mit diesem, wie Sie sehen, nicht sehr großen Holzbau begonnen und jetzt, nachdem alle unsere Drittel erschöpft sind, ist derselbe erst bis zur Bedachung fertig. — Wie unsere Vorfahren beim Aufbau des zweiten Tempels mit fortwährenden feindlichen Hindernissen zu kämpfen hatten, so ist es auch uns ergangen. Man hatte bald in Erfahrung gebracht, daß es sich um einen Synagogenbau handle und wollte das in jeder Weise zu hintertreiben suchen. Was bei Tag geschafft war, das wurde uns bei Nacht wieder zerstört, so daß wir gleichsam, wie damals unsere Vorfahren „mit einer Hand arbeiten und mit der andern das Schwert führen mußten". Dennoch hatten wir endlich, wie heute, unser Gotteshaus bis zum Dache fertig gebracht.

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