Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1876)
- Date
- 1876-06-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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580 „Das wäre in der That eine seltsame Veranlassung." „„Es sind eben auch nur böse Zungen, die solches behaupten; aber Thatsache ist, daß gestern Nachmittag, als die Baronin mit ihrem Töchrerchen spazieren fuhr, eine arme alte Frau mitten auf dem Fuhr weg zusammenbrach. Eine Anzahl Leute hatten sich rasch um die Unglückliche versammelt und hiedurch den Wagen zum Halten gezwungen. Die Kleine, vielleicht aus Neugier, vielleicht aus Theilnahme, benützte dieses; schwang sich trotz des Verbotes der Mutter aus dem Wagen und drängte sich zu der Ohnmächtigen hin, die von mehreren Personen aufgehoben und eben in die nächste chirurgische Officin' gebracht werden sollte. Die klcine Baronesse sah die dünne fadenscheinige Kleidung der Alten, und ohne nach der Einwilligung ihrer Mutter zu fragen, entledigte sie sich rasch ihres Pelzüberwurfs und ihres Capüchons, und bedeckte die noch immer bewußtlose Frau damit. Dann wandte sie sich an ihre Mutter und bat um Geldunterstützung für die Unglückliche. Die Baronin jedoch starrte sie mit ausdruckslosen Blicken an, schien reden zu wollen, brachte jedoch kein Wort hervor. Voll Entsetzen warf sich die Kleine auf ihre Mutter und rief um Hilfe. Doch aller ärztlicher Beistand war vergebens. Man brachte sie zurück in ihre Wohnung; doch wie ich heute Mittag vernahm, schwebt sie noch immer zwischen Leben-und Tod, und geben die Aerzte sehr wenig Hoffnung "" „Die Frau interessirt mich eigentlich sehr wenig;" bemerkte Meier, „sie war von jeher ein charakterloses , hochmüthiges Weib; aber die Kleine — seltsam, wie zuweilen so vollkommen schlechte Eltern so brave edle Kinder haben. Freilich, die alte Rachel Sonnenfeld, Sie kennen sie doch, sie ist eine brave, fromme Frau; einst war sie die Wärterin des verstorbenen Barons, der ihr trotz seiner mannigfachen Ausschreitungen stets eine gewiss-- reine Anhänglichkeit bewahrt, sie reichlich unterstützt und sie auch gern in seinem Hause gesehen hat. Und reichlich hat die brave Alte die Wohlthaten des Verstorbenen vergolten, indem sie den ihr gestatteten Einfluß benützte, um das Herz seines unschuldigen Kindes mit Menschenliebe, mit Freude am Wohlthun zu erfüllen. Die Baronin wird von ihrer ganzen Dienerschaft eben so verachtet wie gehaßt. und die Kleine wird vergöttert von Jedem, der mit ihr in Berührung kommt." „„Und das mit Recht,"" fiel seine Frau.ein, „„erinnerst Du Dich noch des Auftrittes in unfern» Magazin? Die Baronin,"" wandte sie sich an Werner, „„gehört nämlich zu unfern besten Kunden und bezieht den größten Theil ihrer Confections aus unserm Geschäft; sie pflegt zuweilen persönlich ihre Bestellungen zu machen. So war sie auch im vorigen Jahre mit ihrer Tochter in unserm Laden und während die Mutter sich das Neueste zeigen ließ, stach der Kleinen ein reichgesticktes Jäckchen in die Augen. Sie bat die Mutter, sie möge es ihr kaufen, und da es dieser auch gefiel, willigte sie ein und hieß sie es anlegen. Voll Freude hüpfte die Kleine in dem hübschen Jäckchen zur Thür, während die Mutter weiter wählte und feilschte. Als sie endlich mit ihren Einkäufen in Ordnung und sich mit dem Kinde entfernen wollte, vermißte sie das Jäckchen. „Wo hast Du Deinen neuen Paletot?" fragte sie. Lachend deutete die Kleine auf ein armes verwachsenes Kind, das an der Straßenecke kauerte, und wie die Baronin voll Entsetzen gewahrte, mit dem neuen soeben von ihr erkauften Jäckchen bekleidet war. „Sei nicht böse, Mama," flüsterte das gutmüthige Kind, „ich brauche es ja gar nicht, ich habe so viele schöne Sachen, und das arme Mädchen dort hat gar nichts." Aehnliche Züge erzählt die Dienerschaft der Menge, und eigenthümlich, die Mutter soll jedesmal in äußerster Erregung sich befinden, wenn die Kleine derartige Ausschreitungen, wie sie nennt, sich zu Schulden kommen läßt; aber trotzdem verbietet sie es nie ausdrücklich. Die Kleine ist nämlich alleinige Erbin des ungeheuren Vermögens ihres Vaters, und scheint es, als ob das Gefühl dereinstiger Abhängigkeit von der Besitzerin so großen Reichthums der Mutter schon jetzt den Mund verschließt."" „Nun, das wäre kein so besonderer Nachtheil," bemerkte Werner, „die Erziehung einer Baronin Mosbach! — Doch es wird Zeit, daß wir uns auf den Heimweg machen; meine Frau dürfte ungeduldig werden. Darf ich Sie bitten, mich zu den jungen Damen zu führen, damit ich Fräulein Auguste meine Gratulation darbringe und mein Töchterchen mit nach Hause nehme." Herr und Frau Meier sahen einander verwundert an; Auguste hatte ihnen geklagt, in welch* verletzender Weise Hermine ihre Einladung abgelehnt hatte. . „Ihr Fraulein Tochter hat uns nicht das Vergnügen ihres Besuches geschenkt," entgegnete Frau Meier. „„Nicht?"" rief Werner, „„ich glaubte sicher, sie hier zu treffen. Noch am Abend sagte sie mir, daß sie an der Geburtstagsfeier ihrer Freundin Auguste sich betheiligen wolle."" Frau Werner zuckte die Achseln. „Sie hat trotzdem diesen freundlichen Vorsatz nicht ausgeführt."