Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1876)
- Date
- 1876-06-14
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2446951-2447645-2447667--12610-2468442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
560 meinde Cöln angestellter Rabbiner als „Erster" am Grabe zu reden, schrieben ihm die Leidtragenden ungefähr Folgendes: E. E. machen wir hierdurch die traurige Mittheilung von dem leider heute Morgen erfolgten Tode unseres gel. sel. Vaters. — Die Beerdigung findet morgen Nachmittag um 6 Uhr Statt. — Ganz den Intentionen unseres sel. Vaters folgend, haben wir den Herrn Rabbiner vr. Plato mit Abhaltung der Leichenrede beauftragt und ersuchen Sie höfl. von einer solchen absehen zu wollen. Im Namen der Hinterbliebenen: gez Heinr. Cassel. Jacob Cassel. Man hätte doch nun wohl denken sollen, daß Herr vr. Frank, den so deutlich ihm kundgegebenen Willen des Verstorbenen ehrend, den Wünschen der Trauernden sich gefügt; — daß er zurückgeschreckt vor einem unberechtigten Eingriff in die geheiligten Rechte der Familie! Doch nein! Ob es das Gefühl war, seine Allgewalt zu zeigen, vertrauend dem Schutze der Schleppträger, die ihm zur Seite standen, oder ob es der Wunsch war, alle Diejenigen zurückzuschrecken, die nicht zu seiner Fahne schwören, — genug ohne Rücksicht auf die schweren Stunden und das so tief darniedergebeugte Gemüth der Trauernden schrieb er den obengenannten Söhnen u. A.: Was nun die Beerdigung betrifft, so werde ich wie es meine der Gemeinde gegenüber übernommene Pflicht mir vorschreibt, find von welcher Verpflichtung ich mich nicht entbinden lassen kann und darf, dem Heimgegangenen in meiner Eigenschaft als Rabbiner der Gemeinddas Ehrengeleite bis zum Grabe geben, und dort, wie es Ihr würdiger Vater n"y verdiente, und wie ich es bisher gewohnt war, einige Worte des Nachrufes reden, um alsdann, nachdem ich gesprochen, den Intentionen Ihres sel. Vaters entsprechend, über die eigentliche Grabrede Ihnen die freie Verfügung anheimzustellen. . Ich hoffe und ersuche Sie, diesen meinen von der Pflicht und meiner Stellung als Rabbiner der Synagogengemeinde gebotenen Schritten keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen und zeichne ganz ergeben,! gez. Rabbiner vr. Frank. Später erklärte dann mündlich Herr vr. Fr. sich doch bereit von seiner „Verpflichtung" zu reden, sich dann entbinden zu lassen, wenn auch Herr vr. Plato von Abhaltung einer Leichenrede Abstand nehmen würde. Um dem Dilemma zu entgehen , um nicht eine Rede anhören zu müssen, gegen die sowohl der Verstorbene 71 ch verwahrt als auch die Hinterbliebenen, zogen diese es vor, auf jeden isdh am Grabe zu verzichten. — Der Heimgegangene hat des Nachrufes nicht' bedurft, wie sehr er ihn auch verdient; sein Name wird in hohen Ehren bei all denen zu stetem Angedenken bleiben, die den würdigen Mann gekannt, der stets gleich geehrt und geachtet als Biedermann, wie als streng-frommer Jehudi nach jeder Richtung hin gelebt. Wir übergeben diese Thatsache der Oeffentlichkeit, ohne jeden weiteren Commentar; bedarf dieselbe auch noch einer Illustration? Nur als Beleg möge sie dienen für die „Humanität" und die Pietät, mit der man die Wünsche des Verstorbenen geehrt, für die Zartheit, mit der man den Trauernden seine Tröstungen hat aufzwingen wollen, für die Toleranz gegenüber den religiösen Anschauungen des Verstorbenen und feiner Hinterbliebenen/— Gott sei Dank, daß wir wohl nicht lange mehr schütz - und rechtlos der Willkür moderner Reform-Zeloten preisgegeben sind! — England. London. In Großbritanien wohnen 51,250 Juden, davon 39,833 in London. Im Jahre 1875 starben dorten 1230, darunter 956 Personen in London. (Jew. Chr.) Amerika. New-Uork. Man will dahier einen neuen Reform-Versuch machen, um es den Sabbatentweihern recht bequem zu machen. Einige 80 Mitglieder der Tempel-Emanuel-Gemeinde hat bei dem Vorstände eine Petition eingereicht, worin sie die Einführung eines besonderen Sonntag-Gottesdienstes erbitten. Professor Felix Adler soll diesen Gottesdienst leiten. Bis jetzt ist es noch nicht entschieden, ob der Vorstand das Gesuch genehmigen wird. San Francisco. Der Kaiser von Brasilien, Dom Pedro, besuchte neulich den Tempel Emanuel in San Francisco und verlangte eine Thorarolle zu sehen. Hierauf las er mit großer Geläufigkeit zwei CaMel vor und übersetzte sie auch ganzcorrect in's Englische. (Jew. Chr.)