Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1876)
- Date
- 1876-05-03
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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408 ausgepustet und ausgeschnaubt hatte, fügte er hinzu: „War denn die Red' von Euch??! — da bin ich wegen Kele Rognitz ihr Mann, dem Schickerpolz b) Susman Rognitz zum Rebbe gegangen; der," wandte er sich an die Vorsteher, „war jo weit ein ganz guter, braver Mensch, aber seit zwei Jahr' hat er sich in's Trinken eingelassen, er vernachlässigt sein Geschäft, kommt bei Nacht schicker*) nach Haus, daß e Charp un e Busche is. Zwanzigmal is die arme Frau — sie ist ein Geschwisterkind von meinem Weib — zu mir gekommen und hat geweint und gebeten, man soll ihr Helsen, soll mit ihrem Mann reden, ich Hab' mit ihm zwanzigmal gered't, erst in Gutem, dann Hab' ich gesagt, ich werd' ihn beim Bes-Din, bei Kohvl verklagen, er hat versprochen Kosteletz und Brandeis!3 4 5 6 7 8 9) zwei Tage hat er nit — dafür aber am dritten wieder doppelt so viel getrunken, und ij't wieder schicke: , schelottZ nach Hause gekommen ... So hat er's zwei Jahre lang getrieben . . . und das Schönste war, mir ist er, weil ich ihm mochiach Hab' gewesen^), e Szone geworden.. Endlich vor ein paar Wochen kommt sein Weib mole Szimche^) zu mir, und sagt, jetzt könnt' ihr geholfen werden. Ihr Mann wünscht sich den Chower und wird zu mir kommen, mich bitten, ich soll mit dem Rebbe sprechen — nun soll ich sagen, ich thu's nit eher, als bis er sich das Trinken, oder besser gesagt, das Betrinken abgewöhnt hat. — Nun, die Mixtur hat e bisl gewirkt — e Monat lang trinkt er nit, aber es wird ihm zu lang', ich weiß nit," schaltete Budweiser humoristisch ein, „ob auf den Chower zu warten, oder nit zu trinken — und da fürchtet sich die arme Frau, er wird selbst zum Rebbe laufen — und wenn er einmal den Chower hat, dann is aus, dann bleibt er wieder der alte 3) Trunkenbold. 4) betrunken. 5) Schwips und Schande. 6) Ein speciell Prager jüdisches Sprüchwort. ES sind dieS zwei werthvolle Herrschaften, und wird der Ausdruck gewöhnlich von Jemanden gebraucht, der etwas Großes verspricht, das er entweder nicht halten will oder nicht halten kann. 7) so betrunken wie Loth, der sich nach der Bibel in einem Zustande völliger Bewußtlosigkeit befand. 8) moralisirt habe. 9) voll Freude. j Schickerpolz. Er muß sich das Trinken abgewöhnen, und dazu braucht er ein starkes Jahr — deß- , halb war ich beim Rebbe; es war das eine Mitzwe; rabba10)! Wodolka's Gesicht jetzt anzusehen, war unter! Brüdern einen goldenen Ducaten werth, — wäre | das Rathhaus der Prager Judengemeinde urplötzlich eingesunken, hätten sich die drei anwesenden Vorsteher mit der Schnelligkeit des Gedankens in drei; schneeweiße > Täubchen, und Reb Mosche Budweiser in einen Rosenstock verwandelt, — Wodolka hätte nicht i überraschter aussehen können. Er riß die Augen weit auf und starrte in Budweisers Gesicht. Die Mittheilung traf ihn, den im Grunde ehrlichen, biedern Menschen, ief in's Herz. Mosche Budweistr hatte ihn nicht beleidigen, nicht kränken wollen, — und et, niedrig denkend und rachedürstig, hatte sich zu einer Meßire hinreißen lassen, das that ihm weh! Er war oft im Leben Budweiser unterlegen, aber keine Niederlage schien ihm so schmerzlich und so schimpflich als jene, die er eben erlitt. „Mosche!" rief er, „kannst Du mir's mochel sein? — ich Hab' gemeint, . . ich . . ." er konnte vor beschämender Zerknirschung nicht weiter sprechen. Budweiser hatte wieder seine Fassung erlangt, ct hatte sein Gesicht wieder in ernste Falten geicöt. „Ja" konnte er dem ehemaligen Schneider nicht gut antworten; es zischte und gischte noch in ihm wie langsam erlöschender Brand unter mächtigem Wasserstrahle, „nein" sagen mochte er eben so wenig, er sah das tiefe Bedauern Wodolka's. „Mit Schweigen vered't man sich nicht," war ein gutes altes Sprüchwort, er überhörte die Frage und wandte sich an die Vorsteher: „Meine Sach' ist wohl erledigt?" und als diese bejahend mit dem Kopfe nickten, empfahl er sich, guten Morgen wünschend, und schritt rasch aus dem Sitzungszimmer. Einen Augenblick blieb Wodolka verdutzt stehen, — plötzlich mußte ihm ein glücklicher Gedanke gekommen sein; ein freudiges Roth überzog sein gelbliches Gesicht, er zwinkerte höchst vergnügt mit den Augen, schnalzte mit den Fingern und rief: „Den werd' ich gut machen . . . oder ich soll nit Jakow Wodolka heißen!" (Fortsetzung folgt.) 10) großes, gutes Werk.