Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1876)
- Date
- 1876-04-26
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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384 häufig, haben weniger Kinder, weniger Todtgeborene und weniger Todesfälle unter denen, die sie aufziehen, als alle übrigen Gesellschaften, aber die Sterblichkeit unter den Lebenden ist eine solche, daß die jüdische Bevölkerung in effectiver Stärke alle übrigen übertrifft. Dr. Glatta gibt unter 1000 Sterbefällen die durchschnittliche Lebensdauer der Deutschen auf 28.5 Jahre, der Ungarn auf 23.11, der Croaten 22.1, der Juden ans 30.2 an. In London sei die Sterblichkeit der Juden am größten bei der äußersten Lebensperiode, und am geringsten beim Beginn und dem Meridian des Lebens. In den ersten 5 Jahren wäre nämlich das Berhältniß zwischen der Gesammtbevölkerung und den Juden wie 45 : 44; in der mittleren Periode (zwischen 35 und 45 Jahren) wie 8 : 5, und im Greisenaltcr (von 85 und darüber) wie 0.8 : 2 od. wie 1 : 3. Diese Zahlen wären merkwürdig, wenn man in Betracht zieht, in welcher harten Lage die Vorfahren der jetzt lebenden Juden gewesen und doch eine solche Lebenszähigkeit bewahrten, während sie in engen Quartieren eingeschlossen und aller socialen Vorrechte beraubt waren. Für diese Vitalität sind drei Gründe angeführt worden: 1) ein angeborner Ueberschuß von Lebenswiderstand, 2) die Beobachtung der im Pentateuch niedergelegten Gesundheitsregeln, 3) daß die Juden entweder aus Nothwendigkeit oder aus natürlichen Ursachen ein besseres Leben in allen Beziehungen, die eine gisunde physische Existenz erforderten, führen. Das Resultat verdankten sie allen drei Ursachen. Die Juden wären physiologisch nicht den andern Ra^en überlegen. In manchen Beziehungen ständen sie den Sachsen und Celten nach; aber sie hätte eine geringere Tendenz zu erblichen Krankheiten, wie Skrophulose, Auszehrung und Rheumatismus. Der Einfluß des mosaischen Codex dagegen wäre sehr groß und seine Vorschriften bildeten eine wunderbare Sammlung von Gesuvdheitsrcgeln. Das zweite Gebot specificirt die Zeit (bis in's 3. und 4. Geschlecht), welche erforderlich ist, die Wirkung physischer Degradation auszuloschen. Das 3., 6., 7., 8., 9. und 10. nehmen sämmtlich Bezug aus die Zügelung der Leidenschaften; das 5. schärft die Pflege der alten und schwachen Individuen ein und das 4. setzteinen besonderen Ruhetag fest und wird 7mal eingeschärft. Diese Vorschrift ist so wichtig für die Gesundheit, daß eine Nation welche sie strict befolgt, aus bloßen physiologischen Gründen eine außerordentliche Existenzfrist erlangt. Dann ist aber die vollständige Hausreinigung zur Osterzeit eine solche Sanitätsmaßregel, daß wenn sie eine ganze Gemeinde vollzieht, sie mehr dazu beitragen würde, die Verbreitung von Krankheiten zu verhüten, als irgend ein Sanitätsgesetz, das ein heuriges Parlament auferlegen würde. Die Reinigung der Gefäße, die Trennung der Zeuge für diese Reinigung und Abwaschung, die Bäder, welche die Religion befiehlt, die Absonderung der mit anst.ckenden Krankheiten Behafteten, die Reinigung und Zerstörung von ansteckenden Häusern waren alle Theile dieses Systems. Sehr viel wird durch die Enthaltsamkeit von dem Fleisch von Thieren gewonnen, die sich von Unrath und von schädlichen und verfaulten Stoffen nährten. Zur 3. Categorie gehörten die Ursachen des langen Lebens, die man sociale und moralische nennen könnte, das Familienleben, welches die Juden in Folge der Verfolgungen sehr hoch schätzten, und ihre sorgsame Pflege der Jungen und Alten. Die Juden dächten auch an die Zukunft und deßhalb klagte man sie wegen Sparsamkeit und Geiz an. Sie wären anch verhältnißmäßig frei von Unmäßigkeit. Zum Schluß ermahnte k)r. Richardsohn seine Zuhörer, diese weisen Gesetze zu befolgen, welche zur Erfüllung der Prophezeihung ihres größten Dichters führen würde: „Wenn weder die Stimme des Jammerns, noch das Geräusch des Klagens gehört werden wird, wenn nicht mehr ein Kind noch ein Greis existiren wird, der nicht seine Tage ausgelebt hat. wenn das Kind sterben wird 100 Jahre alt". London. Allzugroße Intoleranz bringt manchmal recht komische Scenen hervor. Unser Leser wissen bereits, daß in Sydney (Australien) ein Bazar zu Gunsten isr. Wohlthätigkeitsanstalten veranstaltet morden und dieser auch ein recht günstiges Resultat erzielte. In gewissen Kreisen Londons hatte sich das Gerücht verbreitet, daß die Frau des Erzbischofs von Canterbury ebenfalls eine Gabe zu diesem Bazar geschickt habe; darüber entstand unter den Pietisten der anglikanischen Kirche ein Jammergeschrei. Die Erklärung zu diesem vermeintlichen Verbrechen ließ nicht lange auf sich warten. Madame Tait hat in der That liberale Gesinnungen, wie sie das jüngst in einer Unterredung mit Sir Moses Montefiore gezeigt hat. Der im Bazar zu Sydney ausgestellte Gegenstand war von ihr einem zu Ramsgate für christliche Zwecke veranstalteten Bazar gegeben und von einer isr. Dame gekauft worden. Diese isr. Dame sandte den Gegenstand nach Sydney und glaubte, den Werth des Gegenstandes in den Augen der Protestanten in Ausftralien zu erhöhen, wenn sie die Etiquette der Frau des Erzbischofs von Canterbury an demselben ließe.