Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1876)
- Date
- 1876-04-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447645-2447659--12406-2468230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
352 gestattet, aber betroffen durfte man nicht dabei werden! — Jeder wollte sich der Steuer gerne entziehen, aber Niemand bei der unrichtigen Angabe ertappt werden! — und gar erst Budweiser. dieser ehrliebende, wenn auch nicht ehrgeizige Mann! — Eine tiefe Bitterkeit bemächtigte sich seiner Seele; also nicht, wie er gehofft, ihm eine Nummer für seinen Schwiegersohn zu geben, sondern eine ihn beschämende Eröffnung entgegenzunehmen , hatte man ihn zur Gemeinde berufen. Im ersten Augenblick hatte er keine Idee. wie er sich aus dieser Schlinge löse^ sollte; aber Budweiser war ein kluger, verständiger, praktischer Mann. Nor Allem suchte er Zeit zu gewinnen, um sich zu sammeln, um einen Ausweg finden zu können. Er erhob würdig sein Haupt und begann vollkommen hochdeutsch, sich auch des altväterischen „Jhr's" entschlagend und ganz modern sich geberdend: „Meine Herren Vorsteher! Vor Allem muß ich gestehen, daß ich geglaubt hatte, mein ganzes bisher abgelaufenes Leben biete Bürgschaft, daß ich gewiß nicht etwas aussprechen würde, was — der Wahrheit entgegensieht. — Ich bin aber auch berechtigt. von Ihnen, meine Herren Vorsteher, die Wahrheit zu fordern. Ich glaube auch in meinem vollen Rechte zu sein, wenn ich Sie höflichste bitte, mir zu sagen, ob ich diese Vorladung nicht — einer Denunciation verdanke." Reb Eleser Schulhof räusperte sich verlegen. Der Bildungsgrad der damaligen Juden war in der Regel ein niedriger, und eine so wohlgesetzte und auch so wohlbegründete Rede wurde in diesen Räumen selten gehört. Reb Pinches Posseles, mit stark ausgesprochenen despotischen Gelüsten, hatte nicht übel Lust, ihn abzuschreien, aber Reb Wolf ließ ihm nicht Zeit dazu; als er bemerkte, daß sein greiser College auffahren wollte, schnitt er ihm das Wort ab, und als gebildeter Kaufmann antwortete er auch jetzt mit gut gewählten Worten: „Ja, Herr Budweiser (auch das war eine Ansprache, wie sie in jenen Zeiten im jüdischen Rathhause selten vorkam), es ist in der That, wie Sie richtig vermuthen, eine Anzeige hier eingelaufen, wonach der Bierverbrauch in Ihrem Hause das von Ihnen angegebene Quantum bei Weitem übersteigt. Unsere Quelle ist gut unterrichtet, und der Betreffende ist ein ehrlicher Mann!" Budweiser wurde neugierig. Wer mochte das sein? Doch nicht Jakow Schneider? ... ah! das war ja immer ein braver ordentlicher Mensch gewesen. Ein schwerer Uniam zwar — aber ein Moßer?! —nein, das mochte er von seinem Nachbar nicht glauben. „Meine Herren Vorsteher!" begann er wieder, ebenso von Neugierde als von dem Wunsche geleitet, Zeit zu gewinnen, um während dieser einen rettenden Gedanken zu finden, „nach unserem mosaischen Rechte, nach welchem hier entschieden werden soll, bin ich befugt zu fordern, daß der Zeuge, denn als solchen betrachten Sie doch den — Angeber , mir in's Gesicht gestellt werden soll; ich bitte daher dies zu thun, und Sie werden wohl erlauben, daß ich mit meiner Antwort bis dahin zurückhalte!" Budweiser mackte Miene, sich zu entfernen, aber Posse'.es, der, kein gebildeter Mensch, für sein Amt keine andere Eignung als tüchtigen gefunden Menschenverstand besaß, hatte bisher in dieser Verhandlung nur eine Nebenfigur gespielt, und ergriff jetzt geschickt die Gelegenheit, sich in den Vordergrund zu drängen. „Ah was!" — rief er — „das kann gleich geschehen, der Schneider wohnt ja nicht weit von hier, und hat ja jetzt nix zu thun. Zehnthomer, Zehnthomer!" schrie er, während der bureaukratisch geschultere Schulhof nach der Glocke griff, — und als der Meschores eintrat, rief Posseles: „Geht nach Jakow Wodolka, er soll gleich heraufkommen." Budweiser erblaßte. Es war ein wahrhaft unglaubliches, eigenthümliches Verhängniß. Also auch diesen gründlichen Verdruß hatte ihm Jakow eingebrockt! — Auch diese bittere Enttäuschung, statt eine freudige Nachricht eine beschämende Geldstrafe auferlegt gU erhalten, dankte er ihm! — da.S hatte er von Jakow nicht erwartet; er hatte ihn bisher für einen abgeschmackten, eigensinnigen Menschen gehalten, — aber ein Moßer! Wie mit einem elektrischen Schlage durchzuckte ihn die Erinnerung, wie Jakows Vater, der reiche Goldschmidt. ihn, das arme unschuldige Kind, Moßer genannt hatte, und wie unendlich tief ihn das verletzt, geschmerzt hatte, und jetzt nach unabsichtlichen, fortwährenden Kämpfen hatte Jakow den halbhundertjährigen, vielleicht absichtslosen Kränkungen eine neue Unthat absichtlich zugefügt — und hierbei zv dem unedelsten Mittel gegriffen. In dem Momente sank Jakow endlos tief in seiner Achtung, er konnte ihn verachten, fast bedauern. Während des langen Hin - und Herredens war Budweisers Geist nicht unthätig geblieben, ein Mittel zu ersinnen, sich aus dieser fatalen Situation zu befreien — endlich durchzuckte ihn ein Gedanke. Er erinnerte sich der Oberreiter, denen er offen die Wahrheit gestanden, und die er mit der Wahrheit und durch die Wahrheit getäuscht hatte, und er glaubte das Richtige gefunden zu haben. Er wollte nun die Sache erledigen, bevor Wodolka kam, um dann seine volle Kraft gegen diesen zu wenden, ihm seine volle Verachtung zu zeigen, ihm