Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1876)
- Date
- 1876-03-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XVII. Jahrgang. Zweite Grilage zu Nr. N des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Pericht. Von S. M. (Literatirr-Verein.) Der selig entschlafene Philippson'sche Literaturverein ist durch einen von den DDr. Güdemann in Wien, Pereles in Münch en, Rahmer in Magdeburg und Treuenfels in Stettin in's Leben gerufenen, sogenannten „neuen israelischen Literaturverein" ersetzt worden. Derselbe hat sein erstes Lebensjahr Überstunden. Nach dem von den geschäftsleitenden Mitglieds, Herrn vr. Rahmer, Rabbiner in Magdeburg, erstatteten Jahresbericht zählt der Verein 1000 Mitglieder, hat aber hiermit erst den dritten Theil des ursprünglich „in Aussicht genommenen" Mitgliederzahl erreicht. Eigentlich constituirt ist der Verein noch nicht, er hat weder einen Vorstand noch eine Prüfungscommission. Herr vr. Rahmer, dem überhaupt das Jnslebentreten des Vereins und seine Existenz zum großen Theile zu verdanken ist, besorgt vorläufig, sowohl die Geschäftsführung als auch die Prüfung der eingereichten Schriften. — Ob dem Provisorium ein Definitivum folgen wird, bleibt abzuwarten. — Das erste Jahr hat, sofern die Quantität der Schriften in Betracht kömmt, viel geleistet. Es sind geliefert worden: 1) Geschichte der Juden von Professor vr. H. Graetz Band v. Erste Hälfte. 2) Studien zur Geschichte der Sammlung der althebräischen Literatur von Rabbiner I. S. Bloch. 3) Haus und Kloster. Ein zeitgeschichtlicher Roman von D. R. Hammerschlag. 3) Der freie Wille. Novelle von W. Herzberg. Um nun zu sehen, ob wir dies Urtheil auch auf die Qualität der Schriften anwenden können, werden wir dieselben einer obiectiven Besprechung unterziehen. Das größte der ausgegebenen Werke, Gr ätz, Geschichte der Juden, schließt sich den übrigen bereits erschienenen Bänden würdig an. Der uns vorliegende zweite Band, erste Hälfte, behandelt die Geschichte unserer Vorfahren von der THeilung desReiches, nach Salomo's Tode (Rechabeam und Jerobeam) bis nach der Zerstörung des ersten Tempels, (letzte Klage Jeremia'S) in 13 Kapiteln mit 8 sehr ausführlichen Nachbemerkungen historisch-wissenschaftlichen, theilweise exegetischen Inhalts. Diese Schrift kann so recht als Glaubensbekenntniß der Breslauer Schule und ihrer Anhänger angesehen werden. Denn obgleich sie Grätz allein zum Verfasser hat, so haben sie doch die Herren vvr. Treuenfels, Rahmer und Consorten durch deren Ausgabe und Verbreitung als Schrift des Literaturvereins, als mit ihrer Meinung und religiösen Ansicht harmonirend, anerkannt und sanctionirt. Wir setzen nämlich voraus, daß das geschäftsführende Mitglied und vielleicht auch die übrigen Spitzen des Vereins die ausgegebenen Schriften vor der Drucklegung gelesen, geprüft und approbirt haben. Ist das nicht geschehen, so wäre allerdings die Geschäftsordnung sehr locker. Das ist übrigens nicht unsere Sache, sondern die der Herren Gründer. Doch wollten wir diese Frage berühren, weil wir nicht allein bei der jetzt zu besprechenden Schrift, sondern auch bei anderen die aus der Beantwortung eventuell sich ergebenden Consequenzen zu ziehen haben werden. Der Band Ha der Grätz'schen Geschichte umfaßt 496 Seiten und bei diesem Umfange wäre wohl die Aufgabe des Recensenten überschritten und auch der Geduld Ihrer Leier zu viel zugemuthet, wollten wir eine in alle Details genau eingehende Besprechung des Werkes liefern. Was den Stil betrifft, so sei erwähnt, daß derselbe so ist, wie er nur von einem Historiker verlangt werden kann, anziehend, belehrend und, selbst bei mehr wissenschaftlichen Theilen des Buches, doch gemeinverständlich. So sehr wir nun auch in dieser Beziehung dem Herrn Verfasser unsere Anerkennung zollen müssen, um so mehr und desto schmerzlicher müssen wir es bedauern, daß er der Vergangenheit Israels, die er zum Gegenstand seiner Erzählung und Schilderung gemacht, nicht unparteiisch und objectiv genug gegenüber steht. Die Tendenz des Buches riecht zu sehr nach Gegenwart, nach Partei! Und das ist bei einem Geschichtschreiber ein großer, sehr fühlbarer Mangel, er betrachtet Alles durch setne Parteibrille und sucht seinen Standpunkt in die Vergangenheit hineinzutragen! Allerdings haben wir dabei Gelegenheit diesen Standpunkt genau kennen zu lernen.