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Der Israelit · 1876-03-08 · Heft 10 (8.3.1876) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 10 (8.3.1876)
Date
1876-03-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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219 eine unehrenhafte Absicht zu unterschieben, die er nie gehabt, ihn dem ersten Mann der Gemeinde, gegenüber, als einen hinterlistigen, heimtückischen Menschen darzustellen, als einen Menschen, der eine elende Comödie spiele, um etwas zu erlangen, und dann mit frecher Stirne noch das hochwürdige Beth-Din auszulachen — das von ihm, von Jakow Wodolka, zu sagen, der aufrichtig, aus voller Seele, und mit vollem Herzen dem Schneiderhandwerk Valet für immer gesagt hatte — das zu behaupten , das war Heimtücke.o! weder | die jüdisch-deutsche, noch sonst eine andere lebende oder todte Sprache hatte dafür den richtigen Ausdruck! — und sollte er in der That das große Opfer gebracht, einem einträglichen Handwerke, einer Beschäftigung, die ihm durch lange Gewohnheit lieb geworden, entsagt zu haben,' ohne den Preis dieses Opfers zu genießen?! — Er stand rasch auf, und eilte, an dem erstaunten Schnellgabbe, mit der Raschheit eines gepeitschten Kreisels vorüberfliegend, wie von Dämonen gejagt fort! .... Rache, Rache! schrie es in seinem Innern. Wäre ihm Budweiser jetzt begegnet, er hätte einen Mordversuch an ihm gewagt .... Er wollte nicht in dem aufgeregtem Zustande nach Hause kommen, seine Frau durfte seine Schwäche, seine Eitelkeit nicht erfahren, durfte nicht wissen, daß er beim Rebbe gewesen, sich den Chower zu erbitten, und daß sein Erb- und Erzfeind wieder seinen Weg gekreuzt, seine Absicht zerstört, seine Hoffnung vernichtet hatte. Er mußte einen Umweg machen. Er ging zuerst rasch, zornig .... nach und nach verwandelte sich sein Zorn in tiefe Traurigkeit — und dann um sich zu beruhigen, um sein heißes Herz durch lindernde Gedanken abzukühlen, begann er über einen Akt der Vergeltung an Budweiser nachzudenken. Was sollte er thun, um diesen recht empfindlich zu kränken? — aber sein Kopf war wüst und leer, er fand keinen Gedanken, Budweiser schien ihm vom Kopf bis zur Ferse gepanzert, er bot auch gar keinen Angriffspunkt dar, er — Wodolka — war völlig machtlos gegen ihn, und dieses Gefühl der Ohnmacht peitschte sein heißes Blut wieder von Neuem zu heftigerer Aufregung auf! So in Gedanken tief versunken, finster vor sich auf den Boden blickend, stieß er plötzlich an eine Frauensperson. Diese trug zwei schwere Kannen in der Hand, an der einen hatte er sich einen kräftigen Stoß an der Kniescheibe versetzt, und sich bei dieser passenden Gelegenheit die Haut abgeschunden, daß er vor Schmerz aufschrie, und gleichzeitig hatte sich der Inhalt der Kanne ergiebig über seine Jomtowhosen ergossen. — Nun ist es eine alte, durch vielfältige Erfahrungen bestätigte Wahrheit, daß wenn sich ein jähzorniger Mensch im Zustande großer Gereizheit befindet, ein Knieabschund und Bieraufguß auf Feiertagskleidern sich nicht als die richtigen Mittel, plötzlich sanft und milde zu stimmen, empfehlen. Jakow Wodolka blickte grimmig auf, zog den verletzten Fuß wie ein Storch in die Höhe, und rief: „Nixnutziges Weibsbild!" aber er blieb mit offenem Munde, auf einem Fuße, wie versteinert stehen .... Um Alles in der Welt, sollte Alles Unheil, das er je erfahren, aus Budweisers Haus kommen? — denn die unselige Trägerin derBierkannen, die jetzt selbst schreiend und heftig gestikulirend, die Schuld des Zusammenstoßes auf dem Ci-devant Schneider schob und lebhaft Ersatz des verschütteten Bieres forderte, war .... Budweisers alte Köchin Vögile. „Kann Sie denn nit acht geben, Sie . . . Sie." Der Zorn legte seine ganze Beredtsamkeit lahm, er fand wieder in dem ganzen Wörterbuche des jüdischen Jargons kein Wort, das seine Anschauung über Mosche'Budweiser's Köchin, kurz, treu, und kräftig wiedergeben sollte. „Na! ich kenn' doch nix dafür? schnatterte jetzt das alte Dienstmädchen . . . „is das e Spaß vierzehn Maas Bier trog ich da, unbeschrieen! das is ka Kleinigkeit — ich bin in kein ordinär, gemein Haus nit! — ich bin bei Reb Mosche Budweiser — leben soll er! — da wird rechtschaffen ordentlich Bier getrunken — überhaupt *) jetzt, wo unser Haussohn zu Haus is, nnd unser Chosen mit seinem Vater und sein Bruder hei uns essen!" „Vierzehn Maas Bier!" wiederholte Jakow Wodolka — und ein Gedanke, ein Funke, blank der Hölle entsprüht, entzündete fein sonst biederes Gemüth, ein Gifttropfen fiel zischend in die Gischt seiner emporbrodelnden Leidenschaft, und plötzlich von einer Idee gepackt, lief, oder vielmehr humpelte er, so schnell als es sein geschundenes Knie gestattete, dem jüdischen Rath - und Gemeindehause zu. 1) besonders. (Fortsetzung folgt.)

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