Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1876)
- Date
- 1876-03-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XVII. Jahrgang. Zweite Leilage;« Ar. 9 -es Israelit. Leitender Artikel. Der israelitische Friedhof ju Main) Mainz, 27. Februar. In voriger Woche wurde vom Nathe der Stadt Mainz in öffentlicher Sitzung mit allen gegen die eine Stimme des Vorstehers der isr. Gemeinde, Herrn Moritz Oppenheim, der Antrag genehmigt, den israelitischen Friedhof, der in den Bauplan der Mainzer Neustadt fällt, schließen zu lassen. Es ist das ein ehrwürdiges Alterthum, das eine mehr als tausendjährige Geschichte hat, von der wir hier Einiges mittheilen wollen. Der Friedhof liegt circa 20 Minuten von der Stadt entfernt, unweit der Gonsenheimer Hohl, an der Straße nach Mombach, am Abhange des Hardenberges. Der Boden ist sandig, und in den alten Grundbüchern der Stadt kömmt der Friedhof unter dem Namen „Judenfand" vor. Wie alt derselbe ist, läßt sich nicht genau eruiren; doch weiß man sicher, daß er länger als ein Jahrtausend seiner Bestimmung gedient hat. In dem von den Schülern des berühmten Mainzer Rabbinen Rabbi Jakob ha Levi (Meharil) niedergeschriebenen Sammelwerke wird erzählt, daß der Genannte auf dem Mainzer Friedhofe einen Leichenstein gesehen habe, der damals ein Alter von 1100 Jahren gehabt. Da nun Rabbi Jakob im Jahre 14,0 mit den andern Israeliten durch den Kurfürsten Adolph von Nassau, denselben der unter den Bürgern der Stadt ein furchtbares Blutbad angerichtet und die Stadt ihrer Freiheiten beraubt hat, vertrieben wurde, so hätte demnach der Friedhof ein Alter von nahezu 1600 Jahren. Diese Angabe erscheint jedoch nicht ganz glaubwürdig; denn erstens wird dort erzählt, daß der Denkstein einer verlobten, halbfreien Sclavin (Schifchah Charufah) gesetzt war; solche gab es aber nur im heiligen Lande zur Zeit deL ersten Tempels; zweitens war es in jenen alten Zeiten noch nicht Sitte, die Jahreszahlen auf die Leichensteine zu setzen. Daß aber der Friedhof älter als ein Jahrtausend ist, mag aus Folgendem erhellen. Im Jahre 1858 wurde beim Bau der Eisenbahn am Fischthor eine große Anzahl jüdischer Leichensteine ausgegraben. Schreiber dieses ließ sie reinigen und schrieb die Inschriften ab. Die ältesten Steine stammten aus dem neunten, die jüngsten aus dem Anfänge des fünfzehnten Jahrhunderts. Die ältesten Steine trugen keine Jahreszahl; ihr Alter war aber theilweise anderweitig festzustellen. Wir wollen hier nur eines Steines erwähnen, des Denksteines für Rabbi Meschullam, Sohn des Rabbi Kalonymos aus Lucka. Dieser, ein berühmter Gelehrter und vorzüglicher liturgischer Dichter, — die von ihm verfaßten Hymnen werden noch heute in der Synagoge gelesen und bilden eine Zierde der Liturgie des Versöhnungstagcs — war bet Zeit nach der dritte Rabbiner von Mainz; denn als die Juden anfingen, sich in Deutschland anzusiedeln, waren die ersten Ansiedler Kaufleute und nicht Schristgelehrte. Als nun die isr. Gemeinde in Mainz an Zahl und Wohlhabenheit zunahm, da wandte sie sich an Kaiser Karl den Großen, und bat ihn, ihr von seinem Römerzuge einen Rabbinen aus Italien mitzubringen. Kaiser Karl willfahrte dem Gesuche und brachte aus Lucka den Rabbi Moses, den Alten, mit. Aber dieser starb bald, und das Gesuch wurde von der Gemeinde erneuert; da brachte der Kaiser den Sohn des Verstorbenen, Rabbi Kalonymos aus Lucka mit; der war der zweite Rabbiner in Mainz; ihm folgte im Amte sein Sohn Rabbi Meschullam, derselbe, dessen Leichenstein ich hier gefunden habe. Da Kaiser Karl von 763 bis 814 regierte, so ist anzunehmen, daß der in Rede stehende Leichenstein um die Mitte des neunten Jahrhunderts gesetzt wurde, daß also der Friedhof viel älter als ein Jahrtausend ist, denn dieser Stein wird doch nicht gerade der älteste sein. Von den andern Leichensteinen war der älteste, der eine Jahreszahl trug, aus dem Jahre 4861 anni mundi, das ist 1101 der gewöhnlichen Zeitrechnung. Auf dem Friedhofe selbst finden sich keine sehr alten Steine, deren Inschrift noch leserlich wäre. Dagegen wurden im Jahre 1863 oberhalb des Friedhofs, als die Nicolai'sche Villa gebaut wurde, einige Steine ausgegraben, welche die Jahreszahlen 5021, 5023 und 5024 (1261, 1263 und 1264) trugen, also gerade ein Alter von sechshundert Jahren hatten. Mil diesen Leichensteinen wurden Gebeine und Schädel ausgegraben, die ich auf dem Friedhofe beisetzen ließ. — Es ist demnach anzunehmen, daß sich vor der Vertreibung durch Adolph von Nassau der isr. Friedhof über den ganzen Abhang des Berges erstreckt hatte; woher hätten sonst die viele Centner