Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1876)
- Date
- 1876-02-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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104 Budweiser schien den Einwurf zu überhören, wenigstens beantwortete er ihn nicht. Ester war die echte Tochter ihres Vaters. Sie war entsetzlich bleich geworden, ihr Busen hob Ä und senkte sich stürmisch, doch wußte sie sich einige Minuten lang zu beherrschen, dann stand sie auf, trat zum Fenster und legte ihr Gesicht, daß jetzt purpurn glühte, an die Scheibe, damit die Eltern die heißen ThrLnen nicht sehen sollten, Der Vater winkte der Mutter, sie nicht zu stören . . . „Laß sie ausweinen, das wird ihr gut thun ... ich kann ihr nicht helfen . . . Gott kann helfen." Bele war fassungslos; sie war keines Wortes mächtig, ihre Lippen bebten, sie rang im stummen Schmerze verzweiflungsvoll die Hände. „Sei nicht kindisch!" flüsterte Budweiser zu, „Narrleben! Weiß der Mensch, was is? — Red' was Du willst, hakodosch boruch hu ist doch unser bester Freund! — sorg' Dich nicht für ihn — und Rakonitzer ist ein kindischer Vater, — er will mit aller Gewalt sein Kind bald unter die Chuppe führen .... kannst Du's dem kranken Menschen verdenken?" Bele wollte weder dem, daß der liebe Herr- Gott des Menschen bester Freund sei, widersprechen, noch konnte sie, die zärtliche Mutter, den Wunsch des gebrechlichen, dem Grabe zuwankenden Rakonitz als einen unbilligen bezeichnen; aber nach Frauenart muß doch Einer der Sündenbock sein; und sie schrie laut auf: „Aber Jakow Schneider, der Ewen nigof^), der den Chossen des jung' erst halbgewachsenenb) Madels als Kind annehmen will, der ist doch..." Aber Budweiser wollte nicht, daß seine Frau eine vielleicht nicht zu rechtfertigende Aeußerung ausspreche, und er schnitt ihr rasch das Wort ab, indem er den unterbrochenen Satz mit seiner gewohnten beliebten Phrase, „ein großer gewaltiger Untam," ergänzte. „Mosche, Du bist . . ." brauste die Frau auf, besann sich aber und sagte, sonderbar genug, „ein komischer Mensch! — entweder hast Du keine Gall' im Leib wie die Taub' — oder Du hast kein Herz für Dein arm' Kind! . . ." Ueber Budweisers Gesicht zuckte eS eigenthümlich schmerzlich, „hm," meinte er, seine Lippen gewaltsam zu einem Lächeln verziehend, „kein Herz! für mein Kind .... ah! — ich Hab' Ester auch I gern . . . aber wir Männer sind hart . . .", dann einige Minuten darauf sagte er, — trotzdem gar j kein Laut im Zimmer hörbar war — „hier iS zu j viel Lärm vom Hof, ich geh' in die Kammer, j Mariw oren4)" und — der harte Mann ging in ' das andere Zimmer und schloß sich ein. Bei besondern Veranlassungen hatte Mosche Budweiser die eigenthümliche Gepflogenheit, sich vor dem Gebete in gutem Jüdisch-deutsch mit dem lieben Gott auszusprechen, auch diesmal sagte er: „Hakodesch boruch hu — Kodom Kol Dowor^), Du hast recht und ich Hab'unrecht — aber verstehen thu' ich Dich doch nicht. — Ich bab Dich nie, nie, so lang' ich leb', mit Willen beleidigt— und Ester, das Kind . . . das Szetomimb), was hat die chote gewesen?7) und Bele? . . . und dan mit der Familie sei mir's tausendmal mochel lieber, guter, barmherziger Gott . . ., das — wenn es nit von Dir Schadai rachmim 8) käme — sagte ich auch .... es ist .. . e gar zu groß' Gewalt^) . . . Sind wir Juden nicht Deine allertreuesten Kinder? Von früh bis in die tiefste Nacht halten wir Awode^), Dawenen") und Broche machen'^) ... das essen wir nicht, weil Du's verboten, mit dem bekleiden wir uns nicht, weil Du's untersagt . . . jenes thun wir nit, weil Du's nit willst .... Gibt's noch ein Volk auf der ganzen Welt wie wir Juden? — Und doch sind wir die Allergedrücktesten auf 1)er Welt! Gib mir nur Koach, daß ich nit chas wescholom misraim bin") .... ah bah! .... ich bin doch nur ein Mensch, und Du bist doch Gott .... Jochid")! ... Du wirst helfen, wenn die rechte Zeit kommt." Und nun begann er schon halb getröstet, Maariw zu beten und die Hauptstellen laut zu recitiren, daß ihn die Frauen im andern Zimmer hören konnten. Nicht nur Angst und Schrecken, auch Beruhigung kann ansteckend wirken! (Fortsetzung folgt.) 4) Nachtgebet verrichten. 5) Vor Allem. 6) vollständig reine Lamm. 7) gesündigt. 8) allerbarmender Ewiger. 9) Unrecht. 10) Gottesdienst. 11) Beten. 12) Benedictionen sprechen. 13) mich gegen Dich auflehne. 14) Einziger. 2) Stein des Anstotzes. 3) halberwachsenen.