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Der Israelit · 1876-01-12 · Heft 2 (12.1.1876) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 2 (12.1.1876)
Date
1876-01-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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mit groben Kreidestrichen das Wort „koscher" in! hebräischen Schriftlichen stand, und in welchen sie sich selbst Suppen in allerdings primitivster Weise kochten — geröstetes Mehl gehörte zu den unentbehrlichsten Neiserequisiten jener Zeit — aber wer die Gebrechlichkeit alles Irdischen und namentlich alles Irdenen kennt, wird es begreifen, daß j die armen Ermüdeten, Hungernden, Halberfrorenen bei ihrer Ankunft, wenn sie sich herzlich auf eine warme Suppe freuten, oft nur zerschlagenes Geschirr und Bedauern seitens der Hausteute fanden, was allerdings weder ihren Hunger stillen noch ihre erstarrten Glieder von innen aus zu erwärmen vermochte. Der Luxus eines neuen irdenen Topfes war aber auf einem böhmischen Dorfe nicht leicht zu haben. Die jüdischen Kaufleute mußten sich nicht nur auf der Reise. sondern in der Regel auch an dem Orte ihrer Bestimmung, an den Einkaufsvlätzen, in Bezug auf die Nahrung die höchsten Entbehrungen auferlegen, und es vergingen oft Wochen, bevor es ihnen gelang, warme Fleischspeisen zu bekommen. Die große Angst der Familie um den Abreisenden war eine vollkommen berechtigte. Alle erdenklichen Unfälle einer langen beschwerlichen und gefährlichen Fußreise konnten eintreffen und es dauerte in der Regel vierzehn Tage, bevor die Zurückgebliebenen durch eine Zeile beruhigt wurden. Wer nicht ein kerngesunder, kräftiger, abgehärteter Mann war, konnte sich diesen Mühseligkeiten gar nicht unterziehen. Es gab in Prag einige Leinwandhändler, die wohl den nothwendigen Fond besaßen, ihre Einkäufe im Großen an Ort und Stelle vorzunehmen, aber die Reise nicht zu unternehmen vermochten und deßhalb ihre Maaren von Andern gegen einen mäßigen Gewinn beziehen mußten. Ein brieflicher Verkehr mit den Leinwebern war schon aus dem Grunde unmöglich, weil diese die empfangenen Briefe nicht lesen und Antwort nicht schreiben konnten. David Rakonitz war ursprünglich eine soche stählerne Natur gewesen, die den Mühseligkeiten seines Standes Trotz zu bitten schien; aber bei vorgerücktem Alter hatten sich doch die Folgen einer übergroßen Anstrengung einer unausgesetzten fünfzigjährigen aufreibenden Thätigkert fühlbar gemacht. Er war kränklich und hinfällig geworden, aber er trug diese Leiden mit tiefer Befriedigung. Er blickte mit Stolz auf diese, wie ein Krieger auf die vor dem Feinde erhaltenen ehrenhaften Wunden, und er war hierzu auch vollkommen berechtigt. Er hatte in seiner Jugend als Commis mühevoll seine armen alten Eltern ernährt, und hatte dann für Frau und Kinder — zwei Söhne und drei Töchter — hinreichend gesorgt. Der älteste Sohn war schon verheirathet und war als Gesellschafter in sein Geschäft getreten, und hatte seitdem fast die alleinige Leitung desselben übernommen. Sein zweiter Sohn Simon war mit Ester verlobt, und war bestimmt worden, daß er nach der Hochzeit in Budweisers Geschäft eintreten solle. Dieser wollte nur noch so lange Tbeilnehmer bleiben, bis sich sein Schwiegersohn eingearbeitet, dann wollte er sich zurückziehen und seinen Antheil auf seinen eigenen Sohn Nathan, der dann nach Hause kommen und heirathen sollte, übertragen, und Sohn und Schwiegersohn sollten gemeinschaftlich die Tuchhandlung fortführen. David Rakonitz war eln musterhaft guter Sohn gewesen, und war auch ein mustergiltiger Familienvater geworden, das Wohl der Seinigen lag ihm warm am Herzen. Rakonitz liebte es, von seiner Vergangenheit zu erzählen. „Ich Hab' mich mein Lebtag viel geplagt auf meinen Reisen," pflegte er au erzählen, »Hunger, Durst, Kalt', Hitz', Rischuß^), Skonos^hab' ich ausgestanden, einmal Hab' ich auf dem Weg Schiwoßer betamuß den ganzen langen Tag gefastet , und wie ich Nachts todtmüd zu meinem Bauern komm', war das koschere Geschirr zerschlagen , — ka Stückl Brot war im ganzen Dorf zu haben, nit e mal e bißl sauer Bier ... ich Hab' den andern Tag früh zeitig aufstehen und weiter gehen müssen, - erst den andern Tag um zehn Uhr Hab' ich mir eine rohe Gurke zum Frühstück nach sechsunddreißigstündigem Fasten kaufen können. Zweimal war' ich um ein Haar d'ersoffen, — einmal in Falgendorf, wo ich bei einem Weber übernachtete, is e Srefe^) ausgebrochen, und ich war' bald elendiglich verbrannt, — einmal auf einer Einschicht haben mich bei Nacht zwei Rezchanim^) d'erstechen wollen, aber Gott boruchhu hat mich mazil gewesen^), hat mir Koach?) gegeben, daß ich mich ihrer glücklich erwehrt hat'; — einmal Hab' ich in einem Wald meine Lederkatze mit achthundert Gulden verloren — das war mehr als mein ganzes Vermögen, — ich blieb damals noch zweihundert Gulden über mich hinaus schuldigt). — kurz, ZoroS rabbos Hab' ich auszustehen gehabt — aber aus allem Dem mach' ich mir jetzt nix, ich Hab' meine Frau und meine Kinder versorgt — das ist die Hauptfach'. Der Mann trat nun mit ernster Miene in Budweiser's Stube. 2) Judenfeindlichkeiten. 3) Gefahren. 4) Feuersbrunst. 5) Mörder. 8) hatte ein Deficit von zweihundert Gulden.

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