Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1875)
- Date
- 1875-12-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447603-2447643--12077-2467888- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XYI. Jahrgang. Erste Beilage zu Nr. 51 -es Israelit. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Aus Württemberg. Der Bericht über das i s r. Waisenhaus Wilhelmspflege in Eßlingen, umfassend den Zeitraum vom 1. Juni 1874/75., gibt Kunde von einem Jahre ungestörten Fortgangs der Vereinsthätigkeit und des Gedeihens dieser Anstalt. Dem seit zwei Jahren an dem Institute thätigen Hausvater, Lehrer Stern, wird das Zeugniß gegeben, daß er seine Aufgabe mit gründlichem Verftändniß auffaßt und erfüllt und im Vereine mit den andern Angestellten und seiner Ehefrau (einer Tochter des auch als Talmudisten bekannten Philantropen Dr. med. Essinger in Oberdorf) den Kindern das elterliche Haus zu ersetzen, liebeaoll bemüht ist. Der religiöse Geist im Hause habe sich unverkennbar gehoben dadurch, daß der Hausvater sammt den Seinigen an gemeinsamem Tische mit den Zöglingen speist. Ein höheres Maß von Kenntnissen erhalten die Zöglinge jetzt durch Einführung eines systematischen Unterrichtes im Zeichnen, in der französischen Sprache und vermehrtem Turnen. So ist für Geist und Körper, für Unterricht und Spiel, für Knaben und Mädchen Fürsorge getroffen. — Im letzten Jahre wurden 7 Kinder ausgenommen. Es stehen einschließlich von 4 Taubstummen derzeit 29 Kinder in der Obhut des Instituts. — Die Rechnung schließt mit einer beträchtlichen Mehrung des Grundstockcapitals ab. Das Vermögen besteht einschließlich des Vermögens der Fortbildungsschule außer dem Gebäude in fl. 89,596. 15 kr. und hat heuer um fl. 5283. 37 */, kr. zugenommen. Die freiwillige» Beiträge an Spenden und Opfern betragen fl. 4338. 36^2 kr. und zum Grundstock sind an Stiftungen fl. 1832. 25 fr. beigetragen worden. Wenn gleich der dermalige Stand der Anstalt ein günstiger ist und dieselbe viel des Ersprießlichen leistet, sind doch immer noch höhere Ziele anzustreben, die zu erreichen nur gelingen kann, wenn die Wohlthäter der isr. Waisenanstalt dieselbe mit ihrer hilffertigen Theilnahme auch in Zukunft stützend begleiten. Berlin Am 28. November verlor die jüdische Gemeinde Berlins einen sehr hochgeachteten Mann aus ihrer Mitte, den Rittergutsbesitzer Joseph Dorn im 61. Jahre seines Lebens. Geboren 1814 zu Block in Russisch-Polen, genoß er eine gute jüdische Erziehung in strengster Orthodoxie, die er nie verließ. Genöthigt, seinen Erwerb mit schwerer Mühe heranzuschaffen — denn seine Eltern waren arm — suchte er sich die weltlichen Wissenschaften zu eigen zu machen, mit deren Hilfe er allein vorwärts zu kommen hoffen durfte. Es gelang ibm durch kluge Speculation, die sich stets mit strengster Rechtlichkeit verband, ein bedeutendes Vermögen zu erwerben, das sehr vielen armen und rechtlichen Leuten jeder Confession zu Gute kam; besonders unterstützte er die Handwerker. Große Summen verwandte er darauf, das Handwerk unter den Berliner Juden zu heben. Er unterstützte Lehrlinge, Gesellen und Meister, denen er theils Geschenke, theils zinslose Vorschüsse gab. — Vielen aus der früheren Strafanstalt zu Spandau entlassenen Sträflingen verschaffte er die Möglichkeit, sich vor Rückfällen zu schützen, indem er ihnen erwerbreiche Beschäftigungen gab und zuwies, auch beaufsichtigte er sie. — Den'jungen Leuten, welche die Rabbinerschule besuchten, verschaffte er freie oder billige Beköstigung, und obwohl er kein Amt in der jüdischen Gemeinde bekleidete, so wurde er doch von allen Seiten mit so großer Zuvorkommenheit behandelt, als ob er dem Vorstande angehörte. Sein jüdisches Wissen hätte ihn wohl befähigt, sich über schwierige Fragen auf dem Gebiete der Casuistik auszusprechen.' Am Abend des 28. November riß ihn ein Herzschlag plötzlich aus der Mitte der Seinigen. Seiner irdischen Hülle hielt der Herr Rabbiner Dr. Hildesheimer in Mitten einer großen bewegten Menschenmenge eine ergreifende Leichenrede, und im isdd erachtete es der genannte Rabbiner für Zahlung einer alten Schuld, de» Verstorbenen nachträglich als uiid zuzuerkennen. n"n'V‘j"n. □ Berlin, 5. Dec. Bekanntlich existirt dahier auch eine „Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden", (mit einem Missionsblatte „Der Friedensbote"). Der Präsident dieser Gesellschaft ist Se. Excell. der Staatsminister außer Diensten, von Westphale», und der Vice-Präsident ein General-Lieutenant. Ferner gibt es hier einen „Verein zur christlichen Fürsorge für jüdische Profelyten" dessen Vorsitzender gar ein General der Infanterie ist und endlich auch einen „Verein zur Unterstützung hilfsbe-