Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1875)
- Date
- 1875-12-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XVI. Jahrgang. Zwlite Beilage za Ar. 30 des Israelit. Leitender Artikel. Die abgebrannte Stadt Witze ia Naßland. Zur Rechtfertigung unseres „Hilferufs" für die abgebrannte russiche, größtentheils von Israeliten bewohnte, sechs Meilen von Dünaburg entfernte Stadt Widze, vor den zahlreichen Spendern, sowie zur Rechenschaft über die angemessene Verwendung, möge Folgendes dienen: Das Feuer ist bei einem Tischler zum Ausbruch gekommen und hat, von einem heutigen Sturme weitergetragen, im Verlaufe von 3 Stunden 212 Wohnhäuser fammt ihren Nebengebäuden ergriffen und verzehrt. Kaum das nackte Leben hatten die Unglücklichen zu retten Zeit, ohne Hoffnung auf Ersatz für verlorenes Haus und Hab', da keine Versicherungsgesellschaft sich herbeiläßt, in diesen Gegenden Versicherungen zu übernehmen oder doch so hohe Prämienbedingungen stellt, daß sie von den armen Hausbesitzern — und arm sind sie fast allesammt — nicht erfüllbar sind. 358 jsrael. Familien sind durch den Brand obdach- und besitzlos geworden. Auch die öffentlichen der Gemeinschaft gehörigen Gebäude, worin viele der Unglücklichen zeitweilig Schutz und Obdach hätten finden können, wurden ein Opfer des zerstörenden Elementes. Unter diesen Gebäuden werden aufgezählt, erstlich der talmudisch-iSr. Gemeinde gehörig: Ein großes Gotteshaus mit zwei getrennten Frauenabtheilunge«; ein großes massives Beth-Hamidrascb, ein großes, erst vor etwa zehn Jahren neuerbautes Beth-Hamidrasch; noch drei andere kleinere zu Gebet und Talmudstudium dienende Häuser, die Klausen der Fuhrleute, der Schuhmacher und der übrigen vereinigten Handwerker; ferner ist verbrannt das Gemeindehaus mit rer Dienstwohnung des OberradbinerS auf dem Hofe der großen Synagoge, sowie das große Badhaus mit Wannen- und rituellen Frauenbädern; und endlich als einen der schwersten Verluste sind die beiden Gemeinde-Pfandleihanstalten mit allen Pfandstücken verbrannt. Es sind dies Wohlthätigkeitsanstalten, dazu eingerichtet, den Armen gegen genügende Pfandsicherheit Geld zinslos vorzustrecken, ein schwerer Verlust für die Gemeinde, welche ihr Geld und die Armen, welche ihre Pfandstücke, verloren haben. Gleich schwer ist die soharitisch - isr. Gemeinde (Chffidim) heimgesucht worden. Unter der Zahl der niederen brannten Häuser gehörten ihnen 44, von 73 meist armen Familien bewohnt, ferner haben auch sie zwei größere und ein kleineres Betbaus eingebüßt. Ihr comfortabel eingerichtetes Badhaus — die Sohariten legen darauf gar großes Gewicht — ist unversehrt geblieben. Der ersteren Gemeinde sind leider auch 18 Sifre-Tboroth, mehrere vollständige Talmudexemplare des Babli und des Jeruschalmi. viele Exemplare der Poskim, — Rischonim, Alfasi, Rambam, Turkm und eine fDtaffe ankeret werthvoller und seltener Werke verbrannt. Auch die letztere Gemeinde hat 5 Sifre-Thoroth verloren. Neun Personen haben bei dem Versuche ihre geringen Habseligkeiten zu retten oder von den Flammen überrascht, das Leben verloren, und viele haben schwere Brandwunden davon getragen. Nun wähne man nicht, daß die russischen Glaubensgenossen ihren verunglückten Brüdern gegenüber ruhig und theilnahmlos geblieben wären. Die Verunglückten sind des Dankes voll gegen die russischen Glaubensgenossen, welche sofort durch Lebensmittel, Kleidungsstücke und Hausgcräthe ihr Elend zu lindern versucht, auch durch Unterstützungen 50 Hausbesitzern die Möglichkeit geboten, alsbald wieder an den Wiederaufbau ihres Grundstückes herantreten zu können. Die Sammlung bei den deutschen Glaubensgenossen. welche uns zu Händen gelangt sind, haben bis jetzt die ungefähre Höhe von 15,000 Mark erlangt. Das Vertheilungsgeschäft stellte sich jedoch, wie wir bald ersehen sollten, als ein sehr schwieriges heraus. Diese Schwierigkeiten zu überwinden, erforderte unsererseits die genaueste Ueberlegung und größten Anstrengungen. Die ersten Schwierigkeiten beruhen in der heftigsten Gegnerschaft der beiden Parteien in der verunglückten Stadt der Rabbaniten und Sohariten oder Aschkenasim und Sefardim, wie sie sich nennen. Es ließe sich viel hierüber sagen, genug eine paritätische Verständigung herbeizuführen lag außer dem Bereiche der Möglichkeit. Eine zweite Schwierigkeit liegt in der zu großen Entfernung der abgebrannten Stadt; Widze liegt noch etwa 30 Meilen von hier in unwirksamer und unwegsamer Gegend, derart, daß die Vertheilung von hieraus zu regeln, gleichfalls zu den Unmöglichkeiten gehört. Die dritte und vielleicht Haupt-