Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1875)
- Date
- 1875-10-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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958 Wich hinein. Ich bin mitten in der Gast' gestanden vnd Hab' nicht bemerkt, daß die Pflasterer eine offene Grub' nur mit einem schwachen Brett'l zugedcüt haben .... pavtz, lieg' ich in der Grub', daß mir alle Glieder krachen. Gut gemacht! denk' ich mir, den ganzen Tag gefastet, mit dem Szoren gejocht, e paar Ellen fein Tuch e kapore2') . . . . zuletzt noch e paar Baulen geschlagen. Gelobt sei Gott, ich hao' nit noch e Fuß auch gebrochen. Ich will mich nun schnell herausarbeiten , und wie ich mit der Hand herumtast', greif' ich auf etwas ... ich seh' wir's beim Mondschein an ... ist es eine große lederne Brieftasche. Ich steig' aus der Grub' heraus — die Kniee waren zerschlagen, im Kopf Hab' ich e hübsch groß' Loch gehabt, daß mir das Blut über's Gesicht gelaufen ist . . . aber in meiner Tasche Hab' ich eine gewaltig große Brieftasche ... ich Hab' gleich gespürt, daß sie mit Papieren angestopft ist. Auf der Gasse Nachsehen, das ist keine Spekulation, Hab' ich mir gedacht, ick wcrd' warten bis zu Hause . . . Im Voraus Hab' ich schon gelacht, Hab' nit anders geglaubt, die Tasch' wird eppes 22) e Juvalideufeldwebel gehören . . . wird drinn' sein ein Abschied und mxwerlhe^) Schriften — froh war ich noch, daß mir Niemand, wahrend ich in der Grub' gelegen, die zwei Stück Tuch weggelrageu hat. Erst bin ich ganz traurig gewesen — das muß man sagen, cs ist viel Verdruß zusammengekommen ■— wie ich aber der Gass' näher komm, werd' ich immer lustiger, und wie ich gar das Thor seh', deul' ich Mir: ah was, Gcm su letowo2*)! — ich komm mit gerade Glieder nach HauS, und man hat mir das Tuch nicht gestohlen." „Wie ich rn's Zimmer tret', erschrecken Mutter und Schwester, weil ich im Gesicht blutig war, ich beruhig' sie, erzähl' ihnen schnell was geschehen ist, wasch' mich ab, mach' mir einen kalten Umschlag am Kopf, und setz' mich mit tüchtigem Appetit zum Essen; an die Bneftasch' Hab'ich gar ntt mehr gedacht — eine Viertelstunde später fällt mir ein: richtig! in der Grub', in der ich hineingefallen, Hab' ich ein Portefeuille gefunden; was weniger als Meo alostm drinn' sein wird, sag' ich noch lachend, soll ich im Vermögen haben. — Ich zieh' die Tasch' aus dem Rock, mach' sie auf . . . Ester, mein Kind» was, meinst Du, war drinnen? — ein gewaltiger Haufen Bancozettel, wie ich ihn in meinem ganzen 21) kaput, verdorben. 22) etwas. 23) werthlose. 24) Auch das ist zum Guten! ein Wahlspruch, der von einem gottgläubigen Manne bei allen Unfällen, die ihn betrasen, stets nn Munde geführt wurde. Leben noch nit beisammen gesehen Hab! . . . gezittert Hab'ich am ganzen Leib . . . vielleicht dreißigmal Hab' ich's zählen müssen vor Schrecken; nimmer is es mir anders herausgekommen; endlich, nach einer ganzen Stunde, Hab' ich's zusammengebracht: zwanziglausend Gulden!" „Das heißt e koschere Mezie^)!" sagt meine Schwester. „Wie so?" frag'ich, „das Geld gehört ja uit mir, entweder leg'ich's zur Polizei, oder tommer *6) werd' ich mir etwas aus den Schriften, die dabei liegen, herausnehmen2?) können — neben dem Geld liegen drei Briefe. In dem ersten, den ich aufmach', steht schön deutlich — ich weiß ihn noch heute auswendig os be os2^): „Euer Hochgeboren! Freiherrliche Gnaden! K. K. Herr Obristwachtmeister! „Ich zeige hiermit ganz ergebenst an, daß „Hochdieselben als Legatar nach Hochdero Frau „Tante weiland der Frau Gräfin Mühlheim-Win- „ucburg-Ochsenhausen, das auf Hochdieselben entfallende Legat von Zwanzigtausend Gulden bei „mir erheben können. Um allen P. T. Herren Er- „ben und Legataren alle überflüssigen Difficultäten „zu ersparen, sowie zur Menagirung aller unnö- „thigen Depercen, hat der P. T. Herr Universalerbe anzuordnen befunden, daß die sämmtlichen „Auszahlungen am 12 hujus auf Schloß Ammous- „grim erfolgen sollen. „Ich erlaube mir daher ergebenst, im hohen „Aufträge des P. T. Herrn Universalerben Euer „Hochgeboren höflichst zu moitiren, am vorgedach- „ten Tage entweder persönlich erscheinen oder einen „Bevollmächtigten zum Empfang des Legates an- „hero schicken zu wollen. Sothaner Plempotentaire „aber müßte sich mit einer Consigillum und Unter- „schrift Euer Hochfreiherrlichen Gnaden versehenen „Vollmacht ausweisen. „Es wird mir eine schröckliche Freude sein, „Euer Hochgeboren wieder einmal persönlich meine „Reverenz machen zu dürfen, und zeichne ich in „dieser süßen Hoffnung Euer Freiherrlichen Gnaden hochachtungsvollfter auch ganz ergebenster Philipp MöbiuS, hochgräflich Mühlheim-Winneburg- Ochfenheim'scher Justiziar." 25) ein redlicher, glücklicher Fund. 26) vielleicht. 27) entnehmen. 28) Buchstab' für Buchstab'.