Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1875)
- Date
- 1875-10-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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946 Griechen wollten Israel abtrünnig machen von seinem Gotte, und das Hauptvolk der zweiten großen Culturepoche, die Römer, zerstörte Jerusalem und das HauS unseres Gottes, wahrend unser Volk für eine lange Reihe von Jahrhunderten sein Land verlor und in die Verbannung wandern mußte. Die Weltgeschichte ist in unserer Zeit — nicht ohne die Mitwirkung der zerstreuten Lämmerheerde Israels — an der dritten, großen Culturepoche angelangt, und wie noch jedesmal eine solche Epoche unserm Volke die größten Gefahren gebracht hat, so ist auch die Gegenwart für das Judenthum eine Zeit schwerdrohender Ereignisse. Noch vor hundert Jahren gab es fast nur glaubensstarke und gesetzestreue Juden und Jüdinnen — und heute? Abfall und Sünde überall; in Deutschland, in Holland, in England, in Frankreich, in Rußland, im Orient und in Amerika. Es scheint, wie wenn Alles aus den Fugen gehen wollte. Wenn man sieht, wie Sabbate und Festtage, Speise - und Reinheitsgesetze und alle andern Gebote Gottes entireiht und verletzt werden allüberall und täglich mehr — da wäre es schier zum Verzweifeln, wenn uns die Geschichte nicht Trost gewährte. „Unsere Väter," sagen die Weisen im Talmud, „hätten zur Zeit der Verfolgung des Haman verzweifeln müssen, wäre ihnen der Gedanke nicht tröstlich gewesen, daß einst Vater Jakob vor Esau sich in einer ebenso schlimmen Lage befunden. Der erzürnte Bruder, der iM den Tod geschworen, zieht dem Wehrlosen entgegen mit 400 Kriegern wo spy1 cn>”. ^,Und Jakob fürchtete sich gar sehr und er ängstigte sich." Und Gott hatte ihm doch eine große Zukunft verheißen! Und in der That, Gott hat seine Verheißung erfüllt. Auch wir besitzen annoch unerfüllte Verheißungen, und das feste Vertrauen, daß Gott sie erfüllen wird, läßt uns ruhig der Zukunft entgegensehen. „Unsere Zeit" ist nicht urplötzlich geworden; sie ist aus der Vergangenheit hervorgegangen, und die Factoren, welche seit Jahrtausenden die Menschheit bewegen, haben auch bei der Gestaltung unserer Zeit mitgewirkt. Völker sind entstanden, vergangen und haben andern Platz gemacht; die maßgebenden Factoren geistiger und materieller Bewegung sind so ziemlich dieselben geblieben. Chamitisch'e Naturvergötterung kämpft mit Japhetitischem Idealismus und verkehrtem Semitenthum. Auch die Judenheit ist von diesen Kämpfen nimmer verschont geblieben. Schon in der arabischen Wüste, bald nach der Offenbarung, suchte Israel gleich andern semitischen Völkern nach einer Vermittelungs- Gottheit und machte das goldene Kalb; demselben Streben entsprang das Götzenbild des Michah im heiligen Lande; dann ward die Verehrung des Baal ein Zeichen des siegreichen ChamitenthumS, wie später, zur Mackabäerzeit, der Hellenismus in Judaea das Eindringen des Japhetismus bekundete. Der Schlag, welchen Rom gegen Juda führte, war so stark, daß unser Volk während des ganzen Mittelalters von den Ideen, welche jene Zeit beherrschte, fast unberührt blieb. Jetzt, beim Anbrechen der dritten Culturepoche, wird auch Israel plötzlich ergriffen. Während der jüngstverflofsenen Jahrzehnte war der Einfluß fast nur ein japhetitischer. Seit Mendelssohn und denen, die sich seine Schüler nennen, war es die Aesthätik, die umwandelnd einwirken sollte. Der öffentliche Gottesdienst sollte den Japhetitischen Anschauungen, in der äußern Form wenigstens, angepaßt werden. In allerneuester Zeit jedoch werden auch viele Juden von dem nach der Herrschaft ringenden Chamismus ergriffen. Naturvergötterung, unter der Form der sogenannten Wissenschaft, beginnt sich auszubreiten; man nennt sich konfessionslos, religionslos; man gibt sich dem Wahne hin, daß der fortschreitende Wohlstand, die zunehmende Beherrschung der Natur, die Erlösung von der materiellen Noth das einzige Heil feien; man will von einem Jenseits nichts mehr wissen und sich an dem Diesseits genügen lassen; man nennt den Glauben an die Unsterblichkeit des Individuums Köhlerglauben und behauptet, nur die Gattung bestehe; man leugnet die Schöpfung durch den allmächtigen Gott und setzt ein zufälliges Aneinanderfliegen der Atome dafür ein; man behauptet, daß die Menschen and Affen, die Affen aber aus andern Thieren, diese aus Pflanzen und diese endlich aus „Atomen" sich entwickelt haben; on^m dhi^o; so hofft man, wie es einst die Schlange im Paradiese verführerisch in Aussicht gestellt, durch Zuchtwahl und Kampf utzr'S Dasein auch noch zu Göttern zu werden. All diesen thörichten Bestrebungen und Zielen, deren die Menschheit sich bewußt zu fein glaubt, stehen diejenigen entgegen, zu denen sie, unbewußt, getrieben wird. Was mag der stolze Römer gedacht haben, da er das große römische Weltreich mit seiner Civilisation, seinem dauernden Frieden, seinem allgemeinen Wohlstände, seinen länderverbindenden Straßen, seinen großartigen Wasserleitungen, seinen großen, blühenden Städten und allen übrigen Herrlichkeiten in Betracht zog? Da mußte jeder eivis Romanik (römischer Bürger) als ein göttliches Wesen und der imperator (Kaiser) als eine mächtige Gottheit erscheinen! Und all die Größe und Herrlichkeit verfiel, mußte verfallen. Welch ein Geschick der Civilisation der Gegenwart bevorsteht, können Menschen nicht wissen, nicht sagen. Eines aber steht fest, das nämlich,