Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1875)
- Date
- 1875-09-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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879 Tasche, oßer3) keine Madanne Melech3). Oft mu^e sich meine liebe, gute Mutter die Thränen auS den Augen wischen, wenn sie mir mein ärmlich Mittagmahl — gewöhnlich um einen Wiener73 *) Brod und für e Wiener Steckrüben — in die Tasche steckte, mich küßte und sagte, „geh" gesund und glücklich, Moscheleben!" 5 Budweiser schwieg einen Augenblick. Die Jugenderinnerungen haben einen mächtig verlockenden magischen Reiz. Die Kinderzeit erscheint uns stets wie durch eine Wunderlampe beleuchtet; und merkwürdig , je entfernter sie liegt, desto lebendiqer, farbenreicher tritt sie vor unsere Seele. Er warf einen zufriedenen Blick umher, wohl mochte er dem allgütigen Gotte danken, der ihn aus namenlosem Elende, aus bitterster Armuth zu einem, wenn auch nur mäßigen Wohlstände gelangen ließ, und doch mußte er sich in der Erinnerung an das Elend seiner Eltern mit dem blauen Taschenluche über die Augen fahren. „Nun sind." fuhr Budweiser, wieder ein bischen Humor erhaschend, fort, „Steckrüben ein recht gutes Essen.... aber wie? wenn man Freitag Abend e gut Nachtmahl, Supp", Fisch, Fleisch, Tort" gehabt hat ... . und ißt zur besseren Verdauung e Rübel darauf . . . fein! . . . aber alle Tag" Steckrübe! . . . und wieder Steckrübe! . . . un11), was eigentlich die Hauptfach" ist, nix als Steckrübe! — das ist kein gar zu großer Thanug 12). Auch mir ward bald herzlich miß73) davor") — und ich bin einmal auf den Gedanken verfallen, mir zur Abwechslung die Steckrüben auf dem heißen Ofen im Cheder zu braten . . . war das aber ein Maachol Melochim 15)! — aber meine Simche73) hat nicht lange gedauert. Ich Hab" nämlich nit gewußt, daß schon vor langer Zeit einmal ein Kind sich Steckrüben im Cheder gebraten und der Rebbe in die größte Rigse77) gerathen war. Er hat geschrieen, der Geruch — es ist wahr, es ist ein kurioser Geruch — schlägt ihm auf die Brust, und hat den Steckrübenbrater — wenn auch nicht gerade auf die Brust — geschlagen, und Allen streng verboten, in seiner Stub" so einen Reach ra73) zu machen. Ich bin damals aber gar noch nicht in"S Cheder gegangen, wie Hält" ich's also wissen können? ' „Während ich nun mein Stück! Brod und. Steckrübe^kau", kommt mein lieber Jakow, der Untam l" konnte sich Budweiser doch nicht entbrechen auszurufen. „Was hast du da?" fragt das Jüngl, der bafcaw19) gewiß ganz gut gegessen hat. „Gebratene Steckrüben, die > sind fein!" geb" ich ihm Tschuwo23).Jakow war eigentlich gar kein schlecht Kind," beeilte sich der wahrheitsliebende Budweiser sein hartes Urtheil abzuschwächen, „aber verzogen, e Nascher, e großer Bal Kinne21) — wie er das hört, schießt er wie der Pfeil vom Bogen hinaus — kauft sich — ein Untam war er immer — um e ganzen Kreuzer Steckrüben, als wenn er wöllet22) die halbe Kille *8) mit Steckrüben füttern, und legt sie auf einmal auf die Ofenplatte. . Ihr könnt Euch denken, bald hat die halbe Gaff" nach gebratenen Steckrüben gerochen . . . wie jetzt die andern Kinder nach und nach in's Cheder kommen, verspricht uns jeder extra, mir^) werden es vom Rebbe ganz gehörig kriegen, aber jeder hat doch geholfen Jakows gebratene Rüben aufeffen, und wie Reb Beer Klopper um ein Uhr die Thüre aufreißt und den Dunst sieht, macht er ein Ponim23) wie der Löw" in der Menagerie, wenn er hungrig ist und von ferne Fleisch sieht." „Wer hat hier Rüblech gebraten?" schreit er, „hm. Mosche! Du, Du sagst ja ka Lügen? . . . und wast23) Dn's?" — Was soll ich darauf antworten, sag" ich ganz pofchit27), ich! — Das Wort war noch nit aus dem Maul, Hab" ich e Kopfstück gehabt, von der besten Sorte, die er — Rebb Beer ölof hascholem — am Lager gehabt hat, und dabei hat er wie meschuge23) geschrien: Weißt Du denn nit, daß ich das streng verboten Hab", .... daß mir der Geruch auf die Brust schlägt, daß er mich memis ist"). .... Du ungerathener Jung", Du Rezcach33) Du! und während er so red"t, seh" ich feine Machschowe31), mir noch so ein Kopfstück mechabid zu fein32), mir hat die Busche33) weh gethän, und ich sag" mit großer Chuzpe3*), as37) alle Kinder meinen, sie senken vor Schrecken ein. Nit anrühren, Nebbe, sonst sag" ich"s den Taten, der lat mir kein Unrecht thun — mir hat der Rebbe nit gesagt, daß man das nit thun darf . . . cholemen33) kann"s mich nicht! — Der Rebbe Hot gewußt, daß ich me eine Scheker sag", und war im Grund doch ein gerechter Mensch, und er — stellt ent37) vor, sagt, nu, wenn es so is . . . so sei mir"s mochel38) und für den Patsch werd" ich Dir einen großen Lekechow33) kaufen .... oder*3) von Deine paar Rüblech nebbich kann der große Dunst nit herkom- 8) wahrhaftig. 9) königl. Gerichte. 10) Pfennig bei den damaligen Preisen für ein Kind vollkommen genügend 11) und. 12) Hochgenuß. ,;13). c.fel., I4).^dafür. f15) cxne.Iönigl. Speise. 16). Freuds 17) WiHh. 18) übly^ Geruch. 19) daheim. 20) Antwort. 21) Neidhammel, 'Neidhart. 22) wolle. 2g) Gemeinde. 24) wir. 25) Gesicht. 26) weißt. 27t aufrichtig. 28) toll. 39) tödtet. 3n) Mörder. 31) Absicht. 32) zu verehren. 33) Beschämung. 34) Kühnheit. 35) daß. 36) träumen. 37) Euch. 38) verzeih' mir. 391 Lebkuchenmann. 40) aber: '