Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1875)
- Date
- 1875-09-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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836 iung des hochgewachsenen ManneS war ein wenig ( gebeugt. Clara war eine Erscheinung von überwältigendem Eindruck. Ihrer vollkommenen ebenmäßigen edelgebauten hohen Gestalt stand der schwarze Anzug vortrefflich. Ihr dunkles glanzendes Haar war so einfach als es die mächtige Fülle desselben gestattete, behandelt. Ihr ovales ttlienbleiches regelmäßiges Gesicht, war von einem leichten rosigen Schimmer der Erregung behaucht, ihre dunkeln feuchtschimmernden Augen, waren von Seidenwimpern beschattet und von wohlgeformten dunkeln Brauen überwölbt, die Stirne war hoch, die Nase griechisch, der festgeschlossene kleine Mund rosig. Ihre Haltung war bescheiden und doch — es ist kein Widerspruch — gleichzeitig Achtung gebietend. — Clara war von jener eigenthümlichen seltenen Schönheit, die sich nicht beschreiben läßt, die durch ihre Majestät imponirt und zugleich durch zauberische Anmuth fesselt. — Clara trug keinen Schmuck, nur an ihrem feinen Halse hing an einem schmalen schwarzen.Sammtbande eine herzförmige, kleine, goldene Kapsel, die Erbschaft ihrer Mutter. Robert als Hausherr, trat ihnen hastig entgegen und reichte ihnen bewegt beide Hände. Er blieb eine Zeit lang überrascht sprachlos vor ihnen stehen, erst nach einer Pause begann er: „Seien Sie, in meinem und unser Allen Namen herzlichst gegrüßt, .... willkommen, möge Gott der Herr ihren Eingang in dieses Haus segnen." „Das möge Gott walten!" entgegnete Löwenstamm tief ergriffen; er wollte weiter sprechen, aber die Erregung war zu heftig, den freudigen Gefühlen, die vielfach seine Brust durchwogten, mochte sich wehmüthige Erinnerung an seine unvergeßliche dahingeschiedene Gattin, bewältigend beigesellt haben, eine Thräne trat in sein Auge; er mußte abbrechen. „Die Erscheinung unserer theurer Nichte" fuhr Robert, die entstandene Pause ausfüllend, fort „hat mich unendlich sympathisch berührt, mir ist's als hätte ich die junge Dame einst schon gesehen und gekannt .... Sie werden, so hoffe ich durch Gottes Hilfe mit unserm Heinrich glücklich .werden." Clara begann jetzt erst zu sprechen und ihre Stimme, eine volltönender Alt, klang so wundervoll ins Ohr und was sie sprach, drang so siegreich in das Herz ihrer Höhrer, daß ihre Worte den Eindruck ihrer Erscheinung vervollständigten, wenn möglich noch erhöhten. „Ich bin von der Hoffnung, die Sie auSsprechen, vollkommen durchdrungen. Meine Eltern, mein Vater und meine verewigte Mutter hatten eS mich stets gelehrt, daß Alles, was uns widerfährt, aus den Händen des Höchsten kömmt, daß sein Baterauge über jedes seiner Geschöpfe wacht; daß er auS tiefstem Schmerze und Elende zu Glück, hu Zufriedenheit erheben tarnt. Der Glaube hatte rn mir gelebt, mit der vollen Kraft der Wahrheit, noch bevor er sich an mir, so wunderbar bewährte. Ich stand in tiefster Noth .... allein, verlassen auf der weiten Welt, an dem Todtenbette meiner heißgeliebten Mutter . . . ferne von meinem edlen Vater, der mit seinem warmen Herzen ausgestoßen aus den Reihen der Menschen war, deren Zierde, deren Edelsten einer, er gewesen — im Kerker, im Kampfe mit der bittersten Verzweiflung zu erliegen drohte .... ferne von meiner Schwester, deren Herz, auch durch ein unseliges Mißverständniß unsägliche Qualen litt, die sich hoffnungslos von uns losgerissen, deren Schicksal, deren Aufenthalt ich nicht kannte. Ich stand allein, verlassen, ohne jede Hilfsquelle in fremdem Lande, der brutalen Willrühr roher herzloser Menschen schutzlos preisgegeben .... ich war elendundunglücklich wie es nicht leicht je ein zweiter Mensch gewesen.... und aus dieser dunklen Nacht, hat Gottes Hand mich barmherzig zum Licht empor geführt .... er sandte mir in Heinrich Eberstein einen Retter; Gottes Vaterhuld erhob mich, als meine Seele unter den wuchtigen Schlägen, die mich trafen, zusammen zu brechen drohte .... GotteS Allgerechtigkeit ließ meinen Vater siegreich und glänzend aus Kerkersnacht hervvrgehen und auch meine edle Schwester Susanne ist frei geworden von den Banden, die sie nur in der Absicht um sich geschlungen, um den verzweifelnden Vater über ihre Zukunft zu beruhigen . . . . o! wäre es meiner Mutter nur vergönnt gewesen, dieses Alles zu erleben .... aber das wäre des Glückes zu viel gewesen! zu so viel Glück, ist hier auf Erden, wohl auch der Beste nicht berechtigt! . . . Clara hatte die letzten Worte leise verklingend mehr wie im Selbstgespräche gesprochen.... sie hatte so eigenthümlich gesprochen, von jeder andern hatten diese Worte mißfallen können — aber man mußte sie eben von Clara hören um das zu j empfinden, was der kleine Kreis in diesem Augenblicke mitempfand. Es war dies kein falscher Pathos, es war dies der klare, vollbewußte Ausdruck eines gläubigen Gemüthes. (Fortsetzung f.)! Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'scherr Hosbuchhandlung. I. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).